Reisetagebuch Küberl
Pressereise nach Burkina Faso 20. bis 23. Juni
Sonntag, 20. Juni Pissila und Kaya (Burkina Faso)

- Verstoßene Frauen können im Caritas Haus in Pissila wieder aufatmen. Foto: Caritas
Weil die Hotels, in denen wir nächtigen, besser sind als bei meiner letzten Reise, dachte ich zunächst, dass sich die wirtschaftliche Lage in Burkina Faso verbessert habe. Doch dann erfahre ich, dass wir für Journalistenreisen diesmal etwas bessere Unterkünfte gesucht haben als früher.
In Burkina Faso ist die Caritas an einer Tabu-Überwindung beteiligt. Es ist entsetzlich, dass hier Frauen, wenn ein Kind stirbt, für schuldig an diesem Tod erklärt werden können. Dasselbe solle auch Männern passieren, da werde der Leichnam durchs Dorf getragen und derjenige, den der Leichnam "berühre", sei der Böse und müsse das Dorf verlassen. Die 6 verstoßenen Frauen in dem von der Caritas unterstützten Haus in Pissila atmen wieder durch und es entwickeln sich wieder Kontakte zwischen ihnen und ihren Verwandten. Die Idee, dass als Teil dieses Projektes Gespräche mit Dorfältesten, Dorfversammlungen usw. geführt werden, um diesen Entsetzlichkeitsglauben, dass es Zauberer und Hexen gäbe, zu überwinden, ist beachtlich. Und dass Verfolgung und Tötung von Ausgestoßenen strafrechtliche geahndet wird bedeutet einen großen Schritt in Richtung mehr Rechtsstaatlichkeit.
Der Markt von Kaya gibt Einblick in eine ungeheure Betriebsamkeit der Menschen. In diesem Fall vor allem der Männer. Es wird alles verkauft, von Haushaltsgeräten bis Möbeln, von Fahrrädern bis zu Zement. Der Kunsthandwerksmarkt ist natürlich afrikanisiert. Ich meine, die gleichen oder ähnliche Kunsthandwerksstücke auch schon in Dakar oder Addis Abeba oder auch in der Serengeti gesehen zu haben. Trotzdem - viele dieser kleinen Kunstwerke sind bezaubernd.
Der Bischof von Kaya feiert mit uns Gottesdienst und lädt uns anschließend zum Essen ein. Es ist eine Missionsdiözese, auf deren Gebiet etwa 94 % Moslems, einige Prozent Angehörige der traditionellen Religionen und 1 ½ % Christen leben. Und die Diözese wächst. Vor 11 Jahren, als der jetzige Bischof sein Amt angetreten hat, gab es 60.000 Katholiken. Jetzt sind es 90.000. Und: Der Taufunterricht dauert vier Jahre. Die Diözese hat ein Pastoralkonzept, das immer 12 Familien zu einer kleinen Gemeinschaft zusammenfügt. Von 1000 solchen 12er-Gemeinschaften kann der Bischof erzählen. Er war Delegierter bei der Afrikasynode in Rom, hat dort die, wie er sagt, "funktionierende römische Maschinerie" kennengelernt und ist beseelt davon, dass die praktischen Ergebnisse der Synode, nämlich Gerechtigkeit und Erringung des Friedens für die Kirche in Afrika wichtig sein werden.
Der Bischof hält auch die bessere Zusammenarbeit von Iustitia et Pax und der Caritas für bedeutsam und erzählt auch von einem afrikanischen Treffen, an dem Bischöfe, Caritas-Vertreter und Iustitia et Pax Vertreter (in Mozambique im März) teilgenommen haben.
Montag, 21. Juni 2010: Kaya und Dori

- Besuch bei den Frauen von Kaya. Foto: Caritas

- Viehzucht in Dori im Wandel. Foto: Caritas
Die Frauengruppe ist eine von 24 in der Diözese Kaya. Die Frauen nehmen eine Dreifachbelastung auf sich: Familie, eigenes Gewerbe und die gemeinsame Erwirtschaftung von finanziellen Mitteln in dieser Gruppe. Übrigens: Aus dem Gewinn der gemeinsamen Arbeit werden dann Mikrokredite an die Mitglieder vergeben. Woher die Frauen die Kraft nehmen, frage ich. Sie antworten mir, Gott habe sie ihnen gegeben. Ich frage zurück: Ja, aber die Männer haben ja auch Kraft von Gott. Lachend antwortet die eine: Ja, das stimmt. Aber sie sind zu faul, um sie zu benutzen. Die Schubkraft der Entwicklung hat immer damit zu tun, dass konkrete Veränderungen in Richtung einer lebbaren Zukunft in Gang gesetzt werden können. Das, was an dieser Frauengruppe 20fach zu spüren.
Am Nachmittag sehe ich plötzlich Rinder, die so groß sind wie in Tirol. Wie macht das die Caritas Dori? Sie kauft scheinbar kleinwüchsige Kälber auf und weil sie die Tiere nicht zum Fressen und Saufen 15 bis 20 Kilometer weit schicken, sondern ihnen das Futter selbst geben, ist ein gewaltiger Unterschied bemerkbar. Das hat mehrere Folgen. Erstens fressen die Tiere nicht mehr die Gegend kahl, was die Verwüstung begünstigt. Zweitens erhält man für ein gut genährtes Rind statt 150.000 FCFR 350.000 FCFR. Wobei die Fütterung nur 100.000 FCFR kostet. Aber sie wollen ja mehr. Nämlich den gerade entnomadisierten Peulh über eine dreimonatige Schulung junger Leute, die im September beginnt, diese neue Form sesshafter Viehhaltung nahebringen. Die Peulh waren über Jahrtausende Nomaden und seit etwa drei, vier Generationen funktioniert das nicht mehr. Mehr Leute, weniger Regen, zunehmende Versteppung der Grundlagen für die Viehhaltung zwingen die Menschen zu einem starken kulturellen Umdenken. Aber in welcher Weltgegend ist Umdenken schon leicht? Nur, wenn das Gebälk kracht und knirscht und die Hütte des Lebens zusammenzufallen droht, ist Umdenken angesagt. Ob in Österreich oder in Burkina Faso.
Wie wir in Kaya tanken waren, habe ich gesehen, dass bei einem Reisebus ein am rechten Arm beeinträchtigter etwa 10-11jähriger Bub gestanden ist, dem etwas sehr missliches passiert sein muss. Zwei Straßenverkäufer haben versucht, ihn zu trösten. Bilder, die mir unauslöschlich im Kopf bleiben, darüber, in welcher Not Kinder sein können, ohne dass man einen direkten Beitrag leisten kann. Man muss zur Kenntnis nehmen, dass man nicht alles tun kann. Nur beten und sich wünschen, dass es ihm einmal besser geht.
Auf der Fahrt von Kaya nach Dori (161 km !) unzählige Bauern, die bei der größten Hitze - es wird wohl zwischen 36 und 38 Grad haben - auf ihren Feldern arbeiten. Das Land gehört dem Staat, zur Bewirtschaftung bekommen die Bauern 2 bis 4 Hektar. Je mehr wir in Richtung Sahel fahren, desto weniger Pflüge sehen wir, desto mehr wird mit der Haue die wenig fruchtbare Erde aufgewühlt.
Abends ein Besuch beim ungemein herzlichen Bischof von Dori, der uns nach bester afrikanischer Art bewirtet. Zwischen den Diözesen Innsbruck und Dori ist eine Art Diözesanpartnerschaft entstanden. Ab Herbst wird hier eine Innsbrucker Theologin für etwa 2 Jahre an der Entwicklung der Diözesanstrukturen mitarbeiten.
Verena Egger(Projektreferentin für Burkina Faso der Caritas Innsbruck, Anm.), die zu Sommerbeginn (22.6.) Geburtstag hat, wird mit zwei Torten überrascht und begratuliert. Beim Verzehr helfen wir alle mit. Nachts der heißersehnte Regen in Form eines veritablen Gewitters. Zuvor ein kurzer Sandsturm, der es in sich hat. Sandstürme werden übrigens, wie mir erzählt wird, immer häufiger, dauern dazu manchmal zwei bis drei Tage und transportieren Sand aus der Sahara - Teil des Verwüstungskonzeptes der Natur?
Dienstag, 22. Juni 2010: Djibo und Baraboulé

- In der Mütterberatungsstelle und Tagesklinik in Djibo erhalten Mütter mit ihren unterernährten Kleinkindern ärztliche Hilfe. foto: Caritas

- Die Auswirkungen eines Boulis (Wasserspeichers) sind vielfältig: Wasservorrat, Heben des Trinkwasserspiegels, Ermöglichung des Gemüseanbaus... Foto: Caritas
Am nächsten Tag sind wir auf der sehr guten Piste zwischen Dori und Djibo unterwegs (191 km). Man weiß die Straßenkilometer hier sehr genau, weil Burkina Faso -wohl als Überbleibsel der Kolonialzeit - nach französischem Vorbild jeden Kilometer mit einem normalen und alle fünf Kilometer mit einem besonderen die noch zu fahrende Strecke ausweist. Heute scheinen wohl alle Bauern die durch den Regen aufgeweichte Erde auf ihren Feldern bearbeiten zu wollen.
In der Mütterberatungsstelle und Tagesklinik in Djibo, die wir nach gut drei Stunden Fahrt erreichen, begrüßen uns etwa 30 Frauen, die dort mit ihren unterernährten Kindern Hilfe erhalten. Bis zu einem Monat können sie hier bleiben, erhalten Kurse in Hygienemaßnahmen und dem Zubereiten von einem nahrhaften Essen mit Zutaten, die man in der freien Natur findet. Sie können sich hier aber auch von ihrem anstrengenden Alltag erholen. Die staatlichen Ärzte, mit denen die Projektverantwortlichen zusammenarbeiten, sind wahnsinnig froh, dass es diese wichtige Station im Kampf gegen Unterernährung gibt. Sie überlegen jetzt selbst, im hiesigen staatlichen Krankenhaus eine solche Einrichtung zu eröffnen. Menschen, die von Unterernährung betroffen sind, berühren mich auf eine besondere Weise, weil Mangel an Lebensmitteln, Dürre, Armut, aber auch das Nichtwissen über gesunde Ernährung einen fast nicht zu entwirrenden Knäuel an Zukunftsverunmöglichung bilden. Herzigen Kindern in die Augen zu schauen, sich an ihrem Leben zu erfreuen und gleichzeitig befürchten zu müssen, dass sie, wie jedes 10. Kind in dieser Gegend, vor dem Erreichen des 5.Geburtstages zum Tode verurteilt sind, geht mir mehr denn je unter die Haut.
Da kann mir die soeben per SMS eingegangene Nachricht, dass das österreichische BMI zusätzlich zwei Millionen Euro für den Zivildienst zur Verfügung stellt, mich momentan auch nicht froher machen.
Weiter geht es jetzt nach Baraboulé zu einem Bouli (Speichersee). Das halbe Dorf wartet schon mehrere Stunden auf uns. Wir sind wieder einmal zu spät dran. Der Bürgermeister und sein Mitarbeiter erklären uns, wie der künstlich angelegte Wasserspeicher funktioniert.
Der Bouli hat einen Durchmesser von 80 Metern und besteht aus zwei Stufen. Derzeit ist die erste Stufe mit rund 4 Meter voll, komplett aufgefüllt können es aber bis zu acht Meter werden. Zum Ausbaggern braucht man Baumaschinen, die wohl aus einer großen Entfernung herangebracht werden mussten. Die Auswirkungen des Boulis sind vielfältig: Wasservorrat, Heben des Trinkwasserspiegels, Ermöglichung des Gemüseanbaus als gegenüber dem Getreideanbau ertragreicheren Form der Bodenbewirtschaftung, Dazugewinnung von Ackerland. All das führt unterm Strich zu höheren Erträgen für die DorfbewohnerInnen und verhindert damit, dass diese fortziehen müssen.
Auf der offiziellen Feier erlebe ich erstmals, dass der Bürgermeister und gleichzeitig Dorfchef allen RednerInnen erklärt, dass sie sich kurz halten sollen, weil die Gäste müde sind und noch einen weiten Weg in die Hauptstadt vor sich haben. Er ist eben ein Profi, sein Vater war schon Bezirkshauptmann. Die Familie lebt übrigens seit 450 Jahren in der Gegend und zählt zur Ethnie der Peulh. In seiner Rede zitiert der Bürgermeister zwei Sprichwörter. Mit "Eigentlich kann sich der Elefant nicht beim Busch bedanken, weil er eh jeden Abend hingeht" soll sinngemäß so viel heißen wie "Wir können uns gar nicht genug bei Euch für den Bouli bedanken." Abschließend betont er auch, dass er weiß, dass er und sein Dorf nun die Verantwortung übernehmen und alles dazu tun werden, dass der Bouli erhalten bleibt: "Wenn dir jemand den Rücken wäscht, dann musst du dir immer noch selbst die Vorderseite waschen."
Danach geht es zurück in die Hauptstadt. Auf zeitweise waschrumpeligen Straßen werden wir ganz schön durchgerüttelt.
Mittwoch, 23. Juni 2010

- Unzählige Begegnungen im Gepäck. Foto: Caritas
Am Vormittag ein Treffen mit dem Abbe Isidore Ouedraogo, dem Generalsekretär der Caritas von Burkina Faso. Beeindruckend, wie sich die Caritas Burkina in den letzten Jahren nach vorne und in die Öffentlichkeit hineinagierend entwickelt hat. Mittagessen mit Elisabeth Sötz, der Leiterin des lokalen Büros der Austrian Developement Agency (ADA). Die Pressekonferenz am Nachmittag mit vier Journalisten aus Burkina Faso ist eine Premiere. Der Austausch mit dem Partnerland soll auch auf medialer Ebene stattfinden. Ihre Fragen unterscheiden sich nicht wirklich von jenen "unserer" Journalisten. Nach der PK dann noch Interviews mit österreichischen Journalisten. Ich habe doch schon so viele Interviews gegeben und sollte es auch schon können. Trotzdem: bei der Frage nach den beschämend niedrigen österreichischen Entwicklungshilfeleistungen geht mir das Geimpfte auf.
Wieder ein Abschied und wieder ein Aufbruch von der in so kurzer Zeit vertraut gewordenen Welt in Richtung der vertrauten Welt. Mit vielen Eindrücken, Begegnungen, Menschenbildern und Erfahrungen im Gepäck, die so rasch gar nicht zu verarbeiten sind…
Am Abend des 24. Juni in Wien wird mich der evangelische Altbischof Herwig Sturm ansprechen. Er fragt mich ob es stimmt, dass ich zur Mittagszeit aus Burkina gekommen sei. Ich sage: ja das stimmt. Er fragt mich dann: und ist Deine Seele schon mitgekommen. Ich antworte ihm: nein. Die Seele ist noch unterwegs…
Franz Küberl

