Interview Msgr. Vitillo
"Die Welt droht AIDS zu vergessen”

- Msgr. Robert J. Vitillo*, AIDS-Beauftrager des internationalen Caritas-Netzwerkes, im Vorfeld der Weltaidskonferenz in Wien (18. bis 23.Juli) über die aktuellen Herausforderungen im Kampf gegen HIV/AIDS.
Reichen die internationalen Anstrengungen, die im Kampf gegen HIV/AIDS unternommen werden, aus?
Ich fürchte, dass die Welt AIDS zu vergessen beginnt. Ich frage mich, ob die verschiedenen Staaten den Kampf gegen AIDS weiterhin fortsetzen oder künftig anderen Fragen eine höhere Priorität einräumen. So haben etwa die Vereinigten Staaten den Namen ihres globalen AIDS-Programmes in "Globale Gesundheitsinitiative” umbenannt. Die neue britische Regierung hat kürzlich angekündigt, dass sie sich künftig vor allem der Bekämpfung von Malaria und der Müttersterblichkeit widmen wird. Das sind ohne Frage enorm wichtige Bereiche, aber es darf nicht dazu kommen, dass die 33,4 Millionen Menschen, die weltweit mit HIV leben, vernachlässigt werden.
Anfang Juni habe ich Uganda besucht und mit Menschen gesprochen, die die Verteilung von AIDS-Medikamenten koordinieren. Auch sie machen sich große Sorgen über die Zukunft von solchen Programmen. Man hat sie bereits instruiert, keine neuen PatientInnen mehr in die Ausgabe der antiretroviralen Medikamente aufzunehmen und so, wie es scheint, drohen jetzt sogar Kürzungen bei der Unterstützung jener, die bereits im Programm sind.
Ich arbeite seit 23 Jahren in diesem Bereich und kann mich noch gut an die Situation in den 80er Jahren erinnern. Ich habe damals in Afrika Spitäler besucht, wo alle AIDS-Patienten gestorben sind. In Uganda sind die Menschen vor den Krankenhäusern im Gras gestorben, weil es nicht mehr genug Betten gab. Wenn wir im Kampf gegen HIV/AIDS nachlassen, bewegen wir uns wieder auf solche Situationen zu. Wir müssen uns vorwärts bewegen, nicht zurück.
Welchen Beitrag kann die Weltaidskonferenz, die am 18. Juli in Wien beginnt, hier leisten?
Wir müssen die Menschen daran erinnern, dass HIV weiterhin existiert und noch immer zu den größten gesundheitlichen und sozialen Katastrophen zählt, vor allem in den ärmsten Regionen. Diejenigen, die mit dem Virus leben, rutschen häufig immer tiefer in die Armut ab. Milionen von Kindern, allein 14 Millionen davon in Afrika, haben in Zusammenhang mit AIDS ihre Eltern verloren. Diese Seuche hat ganze Generationen ausgelöscht und tut es noch. Die internationale Aidskonferenz zieht die Aufmerksamkeit der Medien und damit der Weltöffentlichkeit auf sich. Den WissenschaftlerInnen bietet sie eine sehr gute Möglichkeit, sich über die neuesten Forschungserkenntnisse auszutauschen. Als Caritas profitieren wir von der Gelegenheit, unsere Erfahrungen innerhalb des kirchlichen Netzwerkes auszutauschen.
Im Rahmen des 6. Millenniumsziels hat sich die internationale Staatengemeinschaft zum Ziel gesetzt, die Verbreitung von HIV/AIDS bis 2015 zu stoppen. Ist das realistisch?
Es gibt hier einige Fortschritte, aber es liegt hier ohne Zweifel noch ein langer Weg vor uns. Eines der wichtigsten Anliegen der Caritas ist, dass mehr Menschen Zugang zur lebenswichtigen, antiretroviralen Therapie bekommen. Von den zehn Millionen Menschen, die sie benötigen, haben derzeit nur 4 Millionen einen Zugang zu den nötigen Medikamenten. Für HIV-positive Menschen ist diese eine Frage von Leben und Tod.
Es gibt aber auch dramatische Auswirkungen auf die gesamte öffentliche Gesundheit: Erhalten die Betroffenen keinen kontinuierlichen Zugang zu den Medikamenten, können sie gegen den Erreger resistent werden. Übertragen diese Personen den HI-Virus an andere Menschen, so greifen bei den Neu-Infizierten die Medikamente nicht mehr.
In ihrer weltweiten Kampagne "HAART for Children” legt die Caritas ihren Schwerpunkt bei den Kindern. Warum?
Dieser Schwerpunkt ergab sich - wie alle Felder unserer anwaltschaftlichen Tätigkeit - aus unserer praktischen Erfahrung in der Aidsarbeit. Viele Kinder starben, bevor wir ihnen helfen konnten. "HAART” ist im Englischen ein Wortspiel: Es steht einerseits für die medikamentöse Behandlung von HIV-positiven Menschen ("Highly Active Anti-Retroviral Treatment”) und andererseits für das englische Wort für Herz. Wir möchten nämlich mit unserer Kampagne Pharmakonzerne, Regierungen und die gesamte Menschheitsfamilie dazu ermuntern, ein Herz für HIV-positive Kinder zu zeigen.
Was sind die konkreten Ziele, die mit dieser Caritas-Kampagne erreicht werden soll?
Es geht uns vor allem darum, dass kindgerechte Therapien und HIV-Tests entwickelt werden und wir möchten mit dieser Kampagne hier eine entsprechende Aufklärungsarbeit leisten. Statistisch gesehen stirbt eines von drei HIV-positiven Kindern vor seinem 1. Lebensjahr, die Hälfte stirbt vor dem 2. Geburtstag. Ein gravierendes Problem ist, dass sich die gängigen, in den Entwicklungsländern eingesetzten HIV-Tests nicht für Babys und Kleinkinder eignen. Wir können erst für Kinder ab 18 Monaten sagen, ob eine Infektion vorliegt und dann ist das Immunsystem bereits so schwerwiegend geschädigt, dass lebensgefährliche Krankheiten fast unvermeidbar sind. Ein zweites, gravierendes Problem ist der Mangel an Medikamenten in einer kindgerechten Dosierung. Die ÄrztInnen und Krankenschwestern müssen den Eltern raten, die Tablette für Erwachsene in mehrere Teile zu schneiden. Aber wer kann schon eine einzige Tablette in drei, vier oder fünf gleich große Teile schneiden und wie können wir überhaupt wissen, welche Dosis eines Erwachsenenmedikaments für ein Kind die richtige ist? Wir brauchen dringend kindgerechte Medikamente in flüssiger Form, die nicht gekühlt werden müssen und sich so auch für heiße, benachteiligte Regionen, etwa in Afrika, eignen.
HIV/AIDS gibt sich häufig mit Armut und Diskriminierung die Hand…
Es ist ein Teufelskreis: Menschen, die in Armut leben, sind in der Regel gefährdeter, sich zu infizieren und viele HIV-positive Menschen rutschen in die Armut ab. Wer sich für bessere Lebensbedingungen einsetzt, leistet also gleichzeitig auch einen Beitrag zur Aidsbekämpfung. Es ist auch richtig, dass HIV/AIDS oft mit Stigmatisierung und Diskriminierung einher geht. Das gilt besonders für betroffene Frauen.
Was kann die Caritas hier tun?
Die Caritas und andere katholische Organisationen antworten auf die Stigmatisierung, indem sie in der praktischen Arbeit mit gutem Beispiel voran gehen und HIV-positiven Menschen mit anteilnehmender, vorurteilsfreier und engagierter Hilfe begegnen. Wir behandeln die Betroffenen mit Respekt und unterstützen sie dabei, ein möglichst selbstbestimmtes und eigenständiges Leben zu führen. Der Vatikan schätzt, dass rund ein Viertel der weltweiten Pflege, Versorgung und Unterstützung von HIV-positiven und AIDS-kranken Menschen von der katholischen Kirche und ihren Hilfsorganisationen durchgeführt wird. Was die anwaltschaftliche Tätigkeit betrifft, so haben wir als Caritas den großen Vorteil, dass unsere Kontakte von den Menschen an der Basis bis zu den höchsten Regierungskreisen, der UNO usw. reichen. Ich bin der Meinung, dass die Caritas eine Brückenfunktion zwischen den Wohlhabenden und den Notleidenden dieser Welt hat. Das ist besonders wichtig in einer Zeit, in der die Reichen und die Armen, die Mächtigen und die Machtlosen immer weiter auseinanderdriften.
Die ärmsten Länder Europas sind jüngst zu einem "Hot-Spot” der HIV-Epidemie entwickelt.
Die Ukraine und die Russische Föderation sind derzeit mit einem rasanten Anstieg von Neuinfizierungen konfrontiert. Im Gegensatz zu den afrikanischen Ländern ist hier Drogenmissbrauch einer der Hauptgründe. Sowohl in Afrika als auch in Osteuropa/Zentralasien ist aber extreme Armut ein entscheidender Faktor. Vor allem Frauen zwingt sie in Sexarbeit und damit in erhöhte Ansteckungsgefahr.
Sie haben im Laufe von über 20 Jahren mit einer großen Zahl von Menschen gesprochen, die mit HIV/AIDS leben. Was wünschen sich die Betroffenen?
Die Menschen wollen vor allem gleiche Chancen und Zugang zu einem besseren Leben. Sie möchten raus aus dem Teufelskreis von HIV und Armut, in dem sie sich befinden. Und natürlich wollen sie, dass sie die Medikamente bekommen, die sie zum Überleben und für eine verbesserte Lebensqualität brauchen. Ich möchte aber auch betonen, dass viele von ihnen enorm viel Lebenswillen und Hoffnung ausstrahlen. Besonders jene, die eine antiretrovirale Therapie bekommen, haben häufig das Gefühl, dass ihnen quasi ein zweites Leben geschenkt worden ist. Sie beginnen, ihr Leben ganz anders zu schätzen und ändern ihre Prioritäten. Damit werden sie für uns andere zu LehrmeisterInnen der Hoffnung. Für mich persönlich ist meine langjährige Arbeit auf diesem Gebiet deshalb auch eine große Bereicherung.
Steckbrief:
Msgr. Robert J. Vitillo, seit 1987 AIDS-Beauftrager des internationalen Caritas-Netzwerkes, gilt seit vielen Jahren als renommierter Experte im Bereich HIV/AIDS. Er arbeitet in diesen Fragen eng mit den Vereinten Nationen zusammen (UNAIDS). Der 63-jährige US-amerikanische Priester hat eine Ausbildung in psychiatrischer Sozialarbeit.
