Interview Osteuropa-Expertin Tschajkiwska

"In der Ukraine sind Aidskranke noch stark stigmatisiert"

Portrait der Aidsexpertin der Caritas Ukraine, Dzwinka Tschajkiwska.
Aidsexpertin der Caritas Ukraine, Dzwinka Tschajkiwska über die Situation von Migrantenkindern und die Betreuung von Betroffenen durch Hauskrankenpflege.

HIV/Aids ist in der Ukraine stark verbreitet. Die Caritas Ukraine betreut dort Betroffene - Kinder und Erwachsene - in  verschiedenen Projekten, von der Hauskrankenpflege bis zum Zentrum für Straßenkinder.
"In der Ukraine ist die Stigmatisierung von HIV- bzw. Aidsbetroffenen sehr hoch", berichtet Dzwinka Tschajkiwska, Ärztin und Aidsberaterin der Caritas Ukraine. So könnten z.B. HIV-positive Kinder kaum Kindergärten besuchen, weil sie dort oft abgelehnt würden. In manchen Fällen, in denen HIV-infizierte Kinder von Kindergärten aufgenommen werden, würden die Kleinen oft unter Isolation und Mobbing der anderen leiden, so Tschajkiwska.

In Kindertageszentren der Caritas können Eltern ihre von HIV betroffenen Kinder aber ohne Probleme abgeben: "Für uns ist das keine Frage. Wir machen keine Unterschiede", erklärte die Ärztin entschieden. "Die Idee der Caritas ist es, keine Projekte nur für Betroffene zu machen, weil das auch wieder stigmatisiert." Demnach stünden die Türen der Tageszentren - ebenso wie bei allen anderen Caritas-Projekten in der Ukraine - allen, Gesunden wie Kranken, offen.

Eine HIV-Infektion müsse in den Zentren auch nicht angegeben werden: "Aber es ist natürlich wichtig, dass Menschen das offen sagen können", betonte die Expertin. Auch würde dies helfen, ein Umdenken in der Gesellschaft herbeizuführen, das die Caritas zu erreichen versucht: nicht nur, um Stigmatisierungen zu vermeiden, sondern auch, um einen besserem Kampf gegen die Epidemie führen zu können.


Rückenansicht von zwei Männern, die auf ein Flipchart schauen. Dzwinka Tschajkiwska hält einen Vortrag.
Dzwinka Tschajkiwska spricht auf der Weltaidskonferenz unter anderem über Zentren für Straßenkinder und Schulungen von Priestern.

Arbeit mit Straßenkindern mobil und "stationär"

Tageszentren bietet die Hilfsorganisation auch Straßenkindern, unter denen Aids ein großes Problem darstellt: Denn sexueller Missbrauch und Gewalt ebenso wie Drogen prägten oft den Alltag auf der Straße. "Unsere Aufgabe ist es, die Kinder zu schützen und sie auch vorzubereiten", so Tschajkiwska. "Wir informieren, wohin sich die Kinder wenden können, wo sie Hilfe bekommen, nicht nur psychische oder medizinische, sondern auch juristische."

Mobile Teams der Tageszentren für Straßenkinder rückten zu Plätzen aus, an denen sich die jungen obdachlosen Menschen bevorzugt sammeln, und informierten über die Zentren. Die Kinder würden eingeladen, vorbeizukommen: "Wenn sie das nicht wollen, fragen wir, ob sie was brauchen, und bringen es ihnen", berichtete die Ärztin.

"Wir wissen nicht, wie viele von ihnen infiziert sind", so Tschajkiwska. Tests für Kinder unter 14 Jahren seien nur mit Zustimmung der Eltern erlaubt; viele würden sich aber nicht um diese Fragen kümmern. "Wir versuchen also, mit Eltern und Kindern zu arbeiten", erklärte die Expertin. So probieren die HelferInnen auch, Mütter und Väter aufzuklären und dazu zu bringen, sich für Gesundheit zu interessieren.

Neun Tageszentren für Straßenkinder betreibt die Caritas derzeit in der Ukraine, in naher Zukunft sollen es bereits einige mehr sein. In den Einrichtungen stehen Duschen, Waschmaschine, Küche und Kleidung bereit. SozialarbeiterInnen und PsychologInnen unterstützen die Kinder. "Es wird gemalt, gestickt, genäht, Schmuck hergestellt, Fußball gespielt und bei den Hausarbeiten mitgeholfen", so Tschajkiwska.

In den Zentren werden Straßenkinder "von ganz klein" bis 15 Jahre betreut. Oft würden die Jugendlichen auch darüber hinaus unterstützt, manche arbeiteten dann bei der Caritas mit. Auch Sommerlager würden für die Kinder organisiert: Es sei wichtig, dass die Kleinen einige unbeschwerte Tage unter Gleichaltrigen verbringen könnten, so die Ärztin.

Beratung ohne erhobenem Zeigefinger

Die Helfer sind in der Ukraine auch vorsorglich tätig: Im Rahmen von Präventionsprogrammen klären die Caritas-Mitarbeiter die Heranwachsenden auf und versuchen, ihnen stabile Partnerschaften und Ehen mit "einer gesunden, schönen sexuellen Beziehung" mit nur einem Partner "schmackhaft" zu machen. Dabei gehe man natürlich nicht mit "erhobenen Zeigefinger" vor: "Wir sagen nicht, was anderes ist schlecht, sondern wir versuchen einfach, den Kindern die Chancen eines anderes Sexuallebens zu vermitteln", so Tschajkiwska. Denn die ursprünglich von der Bevölkerung eher als "Krankheit von Drogensüchtigen" wahrgenommene Infektion bzw. Erkrankung HIV/Aids werde mittlerweile auch immer stärker über sexuelle Kontakte übertragen.

Auch bei Migranten-Kindern setzen die Helfer an: Während hier die Eltern meist ins Ausland gingen um zu arbeiten, blieben die Kinder währenddessen bei ihren Großeltern in der Ukraine zurück, berichtet Tschajkiwska. Diese wüssten oft nicht, wie sie den Nachwuchs aufklären und auf den Umgang mit ihrer Sexualität vorbereiten sollen. Also seien die Helfer auf zwei Seiten tätig: Einerseits versuche man, den Kindern spielerisch oder über Begegnungen mit prominenten Sängern oder Sportlern Informationen über ihre Sexualität, über HIV und Aids zu vermitteln, andererseits arbeite man mit den Großeltern und Angehörigen, so die Ärztin.

Begleitung bis zuletzt

Auch HIV-positive bzw. Aids-kranke Erwachsene werden von Caritas-Mitarbeitern betreut, großteils auf Basis der Hauskrankenpflege. Hier besuchen Pfleger, Krankenschwestern, Sozialmitarbeiter, Priester und pastorale Berater die Betroffenen zu Hause. Eine Krankenhaus-Station für Palliativ-Care und Hospiz gibt es ebenso.

Auch Begleitung bei anti-retroviraler Therapie wird durch Caritas-MitarbeiterInnen durchgeführt: "Anti-retrovirale Therapie bekommt man nur in staatlichen Aids-Zentren, dort ist es kostenlos. Man muss dort registriert sein", sagt Tschajkiwska. Da viele mit der Therapie beginnen, aber bei Einsetzen von Nebenwirkungen diese wieder beendeten, sei Unterstützung durch die Helfer notwendig; und so arbeite man mit dem Staat zusammen, dem die nötigen Kapazitäten für eine Begleitung fehlten.

Priester werden geschult

Oft suchten HIV-infizierte bzw. an Aids-erkrankte Menschen bei Priestern Rat und Hilfe. Dann sähen sich Priester mit Problemen konfrontiert wie etwa dem einer infizierten Frau, deren Ehemann nichts von der Infektion wisse. In von der Caritas organisierten Schulungen würden Priester entsprechend auf das Thema vorbereitet. So könnten geschulte Priester auch die Beziehungen zwischen HIV-Betroffenen und gesunden Menschen in ihren jeweiligen Pfarrgemeinden verbessern und Stigmatisierungen abbauen.

"Aids ist generell ein großes Problem in der Ukraine", so Tschajkiwska. "Es betrifft alle Gesellschaftsgruppen." Auch die Mutter-Kind-Übertragung sei nach wie vor vergleichsweise hoch, weil Schwangere nicht schnell genug zum Arzt gingen. Den Betroffenen fehle meist entsprechendes Wissen um die Krankheit bzw. Infektion. Einen Zugang zu diesen Menschen zu finden, sei oft nicht einfach.

HIV und Aids kann man zudem nicht als ein rein gesundheitliches Problem sehen, ist Tschajkiwska überzeugt. "Es hat Auswirkungen auf verschiedene Bereiche des Lebens. Deshalb lässt die Caritas Ukraine das Thema seit 2009 in alle ihre Projekte einfließen."

Generell wolle man die Strukturen und die Mentalität der Gesellschaft verändern, um Verbesserungen betreffend HIV/Aids zu ermöglichen. "Die Idee ist, nicht in Konkurrenz mit dem Staat zu treten, sondern in Nischen tätig zu sein, die er nicht ausfüllt", so die Ärztin. Dazu arbeite man auch eng mit staatlichen und nichtstaatlichen Einrichtungen an Ort und Stelle sowie internationalen Partnern und verschiedenen Caritas-Organisationen zusammen.

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