Caritas vor Ort

Caritas-Mitarbeiter vor Ort

Unsere MitarbeiterInnen Stefan Maier und Sarah Ebner berichten aus der Krisenregion.

Stefan Maier

Foto: Caritas Salzburg

Stefan Maier, 42 Jahre, Leiter der Auslandshilfe Salzburg und Nahostkoordinator der Caritas Österreich.

Sarah Ebner

Sarah Ebner ist Auslandshilfe-Mitarbeiterin der Caritas Österreich.

Sarah Ebner über die Situation von Raheel Kfaya und ihren Kindern

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Seit Ausbruch des Konfliktes suchten über 1,5 Millionen syrischer Flüchtlinge in Flüchtlingslagern im Libanon, in Jordanien und der Türkei Schutz und Hilfe . Eine von ihnen ist die vierzigjährige Raheel Kfaya. Sie floh mit ihren sieben Kindern, die zwischen zwei und 18 Jahre alt sind, unter schwierigsten Bedingungen aus der Stadt Aleppo nach Jordanien. Ihre Flucht gelang erst beim dritten Versuch, da sie immer wieder an der Grenze zurückgehalten wurden. Ihr Haus in Aleppo ist vollkommen zerstört, sodass die Familie ohne Hab und Gut flüchten musste. Wie die meisten Flüchtlinge sind sie nur mit dem, was sie am Körper trugen im Caritas Zentrum angekommen, in dem sie nun versorgt werden. Raheels Mann arbeitet als Tagelöhner, um die Familie zu ernähren. Dies ist jedoch sehr schwer, da er nicht jeden Tag Arbeit findet und das Geld nicht immer für die achtköpfige Familie reicht.

Raheel macht sich zudem große Sorgen um ihre Eltern, die sie in Syrien zurücklassen musste. Seit über einer Woche hat sie nichts mehr von ihnen gehört. Sie erzählt, dass ihr Vater eine Operation am Herzen hatte. Da sie keinen Kontakt nach Hause hat, weiß sie nicht wie es ihm geht. Rahel hat jedoch nicht nur große Angst um ihren Vater. Ihre vier Schwestern und zwei Brüder sind auch noch in Syrien. Ob und wann sie flüchten können ist ungewiss. Im Caritas Zentrum unterstützten MitarbeiterInnen die große Familie mit einem Essenspaket und einem Hygieneset, das unter anderem Seife und Zahnbürsten enthält. Damit können zumindest die dringendsten Grundbedürfnisse der Flüchtlinge abgedeckt werden. Raheel ist für die Unterstützung der Caritas sehr dankbar. Besonders schätzt sie , dass die MitarbeiterInnen nicht nur ein Hilfspaket abliefern, sondern sich auch kurz Zeit nehmen, um ihr zu zuzuhören. Dies hilft ihr bei der Bewältigung ihrer derzeitigen Situation sehr. Gefragt, was sie sich am meisten wüscht antwortete sie: "Ich wünsche mir ein normales Leben führen zu können und vor allem wünsche ich mir Sicherheit und eine Zukunft für meine Kinder"

Andreas Zinggl über eine Evakuierungsaktion von philippinischen MigrantInnen aus Syrien - 21.04.2013

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Foto: Andreas Zinggl

Massnaa

Sonntag, 10 Uhr Vormittag am syrisch-libanesischen Grenzübergang Massnaa. Von hier sind es noch knappe 60 Kilometer bis zur syrischen Hauptstadt Damaskus. Massnaa ist de facto die einzige Möglichkeit, legal die Grenze zu passieren. Es gibt Stau - in beiden Fahrtrichtungen. Zahlreiche Syrer kommen mit ihrem Auto in den Libanon, um einzukaufen, was in Damaskus mittlerweile knapp geworden ist, vor allem Nahrungsmittel und Treibstoff. Jene, die zu Fuß über die Grenze kommen, werden im Libanon bleiben und Schutz zu suchen. Es sind derzeit einige hundert pro Tag. Mehrere Tausend pro Tag gehen anderswo über die grüne Grenze.

Zwei weiße Busse sind soeben aus Damaskus angekommen. In den Bussen: insgesamt 69 philippinische Frauen, im Alter zwischen 16 und 60 Jahren. Sie werden von Vertretern der philippinischen Botschaft in Empfang genommen. Und von zwei Caritas-Helferinnen, die bei den Grenzformalitäten behilflich sind. Die Prozedur würde sonst möglicherweise Tage dauern, aber heute spät abends werden sie noch in ihre Heimat ausgeflogen. "

Alles war gut in Damaskus. Mein Arbeitgeber war ein guter Mann. Was die Sicherheit betrifft, war alles in Ordnung. Ganz normal. Ruhig. Wie immer. Keine Probleme." Maria Cristina, 24 Jahre alt, wirkt fröhlich, wie ihre Sitznachbarinnen im Bus auch. Es wird gescherzt.

Ein Mitarbeiter der philippinischen Botschafter beschreibt eine andere Sichtweise. Der große Teil der Frauen sind Opfer von Menschenhandel. Agenturen haben sie mit allen möglichen Versprechungen von den Philippinen weggelockt. Über Kuala Lumpur kamen sie zu den Drehscheiben des Menschenhandels in die Golfstaaten. Und statt in das versprochene Europa oder Amerika wurden sie in den Nahen Osten gelotst, so auch nach Syrien. Nicht an Rezeptionen in noblen Hotels durften sie arbeiten, sondern als Hausmädchen für alle möglichen und unmöglichen Dienste rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Pass abgenommen, Gehalt nicht bezahlt. Der Bürgerkrieg sei für viele die einzige Möglichkeit, der Gefangenschaft zu entkommen.

Es ist bereits die zwölfte Evakuierungsaktion innerhalb der vergangenen sechs Wochen, die Jeanne d'Arc Hobeika von der Caritas begleitet. Seit mittlerweile 12 Jahren ist sie für die Caritas tätig und kennt die unterschiedlichsten Facetten der Materie wie kaum jemand. Vor wenigen Jahren noch, als der Libanon im Krieg stand, half sie - unter anderem philippinischen - Gastarbeitern in das damals sichere Syrien zu gelangen. "Es ist eine Mischung aus Unsicherheit, Angst und Zweckoptimismus, den die Frauen im Bus an den Tag legen. Eine Überlebensstrategie. Niemandem die Wahrheit zu erzählen." So erklärt Jeanne d'Arc die fröhliche Stimmung im Bus. "Abgesehen davon sind in Damaskus tatsächlich nur einige Stadtteile vom Bürgerkrieg betroffen. Aber wenn die Situation eskaliert, ist es zu spät, diese Menschen in Sicherheit bringen zu können."

Es ist genau das, wovor im Libanon alle Angst haben. Wenn die Situation in der syrischen Hauptstadt Damaskus eskaliert - und die meisten gehen davon aus, dass das bald geschieht - dann machen sich weitere ein bis zwei Millionen Menschen auf den Weg in den sicheren Libanon. Und zwar nicht wie bisher auf nahezu zwei Jahre verteilt sondern innerhalb einer Woche.

Die 24-jährige Maria Cristina freut sich jedenfalls, nach drei Jahren ihre Familie auf den Philippinen wiedersehen zu können. Ob sie für immer zu Hause bleiben möchte? "Das entscheide ich, wenn ich dort bin. Vielleicht gehe ich auch wieder weg. Vielleicht nach Syrien!" Ihre Sitznachbarinnen lachen.

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Andreas Zinggl im Palästinenserlager Nahr El Bared - 20.4.2013

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Yassar, Foto: Andreas Zinggl

Nahr El Bared

"Arbeit. Ich brauche nur Arbeit.", so die Antwort von Yassar, 41, auf die Frage, was er und seine Familie am dringendsten benötige. Nicht dass er sonst nichts bräuchte. Ganz im Gegenteil. Die Fenster sind notdürftig mit Karton geflickt. Zu essen gibt es wenig. Medizinische Versorgung fehlt de facto. Gemeinsam mit seiner Frau und drei Kindern im Alter zwischen 6 Monaten und 6 Jahren lebt er seit wenigen Monaten in Nahr El Bared.

Nahr El Bared ist ein Palästinenserlager, etwa zehn Kilometer entfernt von Tripolis, der größten Stadt im Norden des Libanons. Vor einigen Jahren wurde das ganze Lager bei schweren Kämpfen zwischen islamistischen Terroristen und der libanesischen Armee zerbombt. Jetzt wird wieder eifrig gebaut. Die neuen Wohnungen werden langsam bezogen. Einige Wohncontainer, die eigentlich als Provisorium gedacht waren, sind dadurch frei geworden. Zumindest für kurze Zeit. Palästinensische Flüchtlinge aus Syrien haben hier nun nämlich ein Dach über dem Kopf gefunden. So auch Yassar und seine Familie.

Yassar hatte es - trotzdem er im Rollstuhl sitzt - zu etwas gebracht. In Yarmouk, einem Palästinenserlager in der syrischen Hauptstadt Damaskus, hat er eine Reparaturwerkstätte für Radios, Fernseher und andere elektronische Geräte geleitet. "Mit drei Angestellten!", wie er nicht ohne Stolz erzählt. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen. Als Kind von palästinensischen Flüchtlingen ist Yassar in Yarmouk aufgewachsen. Seine Eltern standen vor dem Nichts. Jetzt sind seine eigenen Kinder in derselben Situation. Am 5.November 2012 wurden Haus und Betrieb in der neuen Heimat von Artilleriefeuer zerbombt.

Jetzt wieder bei Null beginnen? "Am liebsten wäre mir, alles sei so wie früher." Aber jetzt gibt es weder ein vor noch ein zurück. "Wenn ich wenigstens arbeiten könnte, dann bräuchte ich von niemandem Hilfe. Dann könnte ich alles selbst organisieren." Arbeit kann ihm die Caritas leider nicht geben, aber ein Startpaket mit Lebensmitteln, Hygieneartikeln, Decken und Matratzen haben ihm, seiner Frau und seinen drei Kindern den Neuanfang im Libanon zumindest erleichtert.

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Andreas Zinggl über die Wohnsituation der Flüchtlinge - 19.04.2013

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Foto: Andreas Zinggl

Faour

Hauptsache ein Dach über dem Kopf. Und endlich einmal - nach mittlerweile zwei Jahren Bürgerkrieg in Syrien - keine Bedrohung, von einer Rakete getroffen zu werden oder in einen Schusswechsel zu geraten. Wer sein zu Hause aufgibt, alles liegen und stehen lässt, um einen sicheren Ort zu suchen, stellt wenige Ansprüche an Wohnqualität.

Von hoffnungslos überfüllten Wohnungen bis hin zu Zelten aus notdürftig zusammengebundenen Plastikplanen, Jutesäcken und Holzresten - die Palette ist breit. Mitunter sind Behausungen zu entdecken, deren Anblick selbst langjährigen Katastrophenhelfern unter die Haut geht. Rohbauten ohne Fenster und Türen, der Fußboden ein Schuttberg, darauf ausgebreitet eine Decke, auf der eine siebenköpfige Familie schläft. Wie hier jemand die kalten Wintertage überleben kann, ist rätselhaft.

Die Ausbreitung von Krankheiten ist nicht zuletzt eine Folge von mangelhaften Behausungen. Lungenkrankheiten, Durchfallerkrankungen und immer häufiger Hautkrankheiten, vor allem unter Kindern, stellen die Caritas-Helfer vor enorme Herausforderungen.

Skabies, umgangssprachlich auch als Krätze bezeichnet, oder Leishmaniose, eine Infektionskrankheit, die zu schweren Entstellungen und gelegentlich auch zum Tod führen kann, wenn sie nicht behandelt wird. Die Caritas-Helfer haben das Problem rechtzeitig erkannt, der Weltgesundheitsorganisation WHO gemeldet und erste Schritte zur Behandlung eingeleitet.

Die Zahl der der im Libanon neu ankommenden Flüchtlinge steigt täglich. Die Tätigkeitsfelder der Helfer wachsen mit.

 

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Stefan Maier im Banana-Camp in Sidon - 17.04.2013

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Foto: Stefan Maier

Das Banana-Camp in Sidon

Ganz leicht ist es nicht zu der Familie von Methai Mubarak Adaher zu gelangen. Der Eingang führt über ein Holzbrett, das als Brücke über einen Bach dient. Und dann gibt es noch Herrn Hassan Al Methai, 27 Jahre alt, kräftig gebaut, sein Blick skeptisch bis streng. Eine Militäruniform und ein umgehängtes Gewehr würden gut zu ihm passen. Aber auch in Jeans und T-Shirt wirkt er durchaus kampfbereit.

Die Geschichte des Banana-Camps beginnt vor einem Jahr und zwei Monaten. Hassan Al Methai, damals noch in seiner Heimatstadt Homs/Syrien hat seinen libanesischen Geschäftspartner und Freund gefragt, ob er nicht Platz für sich und seine Familie in Sidon hätte. Da Lage in Homs hatte dramatische Ausmaße angenommen. Jeder versuchte sich in Sicherheit zu bringen. Hassan Al Methai hatte Glück. Sein Geschäftspartner hat soeben ein neues Wohnhaus für 74 Familien in Sidon gebaut. Außen war alles fertig, innen noch alles im Rohzustand. Egal, Hauptsache ein Dach über dem Kopf und weg aus Homs. Und es kamen noch andere mit. Verwandte, Freunde und Freundesfreunde, das Haus war schnell voll. Natürlich müssen sie alle Miete zahlen, aber mit 100 USD pro Monat für ein Dach über dem Kopf liegt man hier vergleichsweise günstig. Das zahlen andere, keine 300 Meter vom Banana-Camp entfernt schon für die Miete eines kleinen Fleckchens Wiese, um ihr Zelt aufstellen zu können. Und dazu gibt es auch noch die Möglichkeit in der Bananen-Plantage des Besitzers zu arbeiten. Das ist für viele Bewohner mittlerweile nötig. Die Flucht war teuer. An zahlreichen syrischen Check-Points wurde kräftig abgecasht. Wer weiter Richtung Libanon wollte, musste insgesamt zwischen 1000 und 1500 USD pro Familie bezahlen. Und wer im sicheren Libanon angekommen ist und noch Geld hatte, war auch dieses bald los, die Preise sind hier um ein vielfaches höher als in Syrien.

Wer das Vertrauen von Hassan Al Methai gewonnen hat, darf weiter gehen. Die Caritas-Jacke erleichtert das Prozedere sichtlich. Methai Mubarak Adaher und seine Familie freut sich sichtlich über Besuch. Unter normalen Umständen würde Kaffee angeboten werden, aber die einladende Geste, am Boden Platz zu nehmen, ist mindestens genauso zu verstehen. Methai Mubarak Adaher kam mit seiner Frau und drei Kindern vor fünf Monaten an. Wie alle hier im Haus aus Homs. Die erste Zeit war ziemlich hart, aber dank eines Startpaketes (Lebensmittel, Hygieneartikel, Gutscheine für Kleidung) von der Caritas konnten sie die ersten Schritte im Libanon halbwegs gut meistern. Matratzen könnten sie noch brauchen, oder einen kleinen Kasten. Ob Methai Mubarak Adaher irgendwann wieder zurück nach Syrien möchte, weiß er nicht. In den Augen strahlt kurz ein Hoffnungsschimmer auf, die Mundwinkel fallen aber gleich danach hinunter und er sagt. "Zu Hause ist alles zerstört".

Auch wenn es nicht ganz leicht ist, zur Familie von Methai Mubarak Adaher vorzudringen, hinauszukommen ist nicht einfacher. Hassan Al Methai besteht darauf, durchs ganze Haus zu gehen. Ein, zwei Familien zu besuchen, das geht nicht. Da sind die im obersten Stock und die ganz unten im Erdgeschoß beleidigt. Und sie alle fühlen sich sicher hier. Das hat möglicherweise auch mit Hassan al Methai zu tun. Aber sicher vor allem damit, dass hier weder Schusswechsel noch Angriffe durch Artillerie zu befürchten sind.

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Andreas Zinggl im Caritasbüro in Taalabaya - 16.04.2013

Maria, Foto: Stefan Maier

Maria

Gedränge vor dem Caritasbüro in Taalabaya, einer kleinen Stadt in der libanesischen Bekaa-Ebene, etwa 20 Kilometer vor der von der syrischen Grenze entfernt. Frauen mit Kindern am Arm stellen sich an, warten geduldig, beruhigen ihre Kinder. Sie sind vor wenigen Tagen im Libanon angekommen und haben erfahren, dass es hier Unterstützung gibt.

"Jeden Tag werden es mehr!" Maria, 30 Jahre alt, eine ausgebildete Krankenschwester, leitet das Büro seit mittlerweile vier Jahren. Begonnen hat es mit der Betreuung von palästinensischen Flüchtlingen. Vor zwei Jahren hat der Bürgerkrieg in Syrien begonnen. Am Anfang war hier, in Taalabaya, noch nicht viel zu bemerken. Da kamen die meisten Flüchtlinge in den Norden Libanons. Aber seit einigen Monaten sind es selten weniger als 80 Neuankömmlinge, die Unterstützung bei der Caritas suchen. In den letzten Tagen waren es 150 pro Tag. Und es werden immer mehr. "Wir arbeiten jetzt alle zwei bis drei Stunden pro Tag länger."

Arbeiten heißt: Die Neuankömmlinge registrieren, ihre Telefonnummern und Adressen aufschreiben, sie dort zu besuchen und ein Caritas-Startpaket mit den allerwichtigsten Dingen zu übergeben. Ein Lebensmittelpaket, ein Hygiene-Kit, Decken, Gutscheine für Kleidung. Eine mobile Klinik ist permanent im Einsatz und versorgt die allerdringendsten medizinischen Notfälle. Die kleineren, vor allem, damit diese nicht zu größeren Problemen werden. Für mehr reicht die Kapazität nicht.

Am häufigsten: kleine Verletzungen, Hautkrankheiten. "Seit kurzem haben wir Fälle von Scabies (Krätze), Leishmaniose (eine Infektionskrankheit)". Lungen- und Durchfallerkrankungen sind ebenfalls häufig. Aber auch Fälle von Tuberkulose und Hepatitis treten nun verstärkt auf.

Das Caritas-Team von Maria betreut Flüchtlinge im Umkreis von zirka 20 Kilometern. Am Anfang gab es viel Unterstützung von der lokalen Bevölkerung. "Viele haben mitgeholfen. Bis jetzt war es sehr friedlich. Es gab kaum Vorfälle. Einmal gab es einen Einbruch in ein Auto. Aber das war schon alles." Mittlerweile werde es immer schwieriger, sagt Maria. Der lokalen Bevölkerung wird viel abverlangt. Wie lange es noch friedlich bleibt ist fraglich. Alle haben ja gedacht, dass sich die Lage in Syrien nach wenigen Monaten wieder beruhigt haben wird. Aber wie es scheint, ist der traurige Höhepunkt der Krise noch immer nicht erreicht.

 

Roukaya

Faour, ein kleiner Ort im Libanon, unweit der syrischen Grenze. Hier in der Bekaa-Hochebene, auf etwa 1000m Sehöhe gelegen, wird die Flüchtlingsnot von Tag zu Tag deutlicher sichtbar. Zwar dürfen - wie im ganzen Libanon - nach wie vor keine Flüchtlingslager errichtet werden. Zu sehr fürchtet die Regierung ein dauerhaftes Verbleiben dieser Flüchtlinge im Land. Immerhin hat der etwa vier Millionen Einwohner zählende Staat von der Fläche Tirols bereits über eine Million Fremde im Land. Doch die Realität sieht anders aus. Alle paar hundert Meter entstehen selbstgebaute Zeltlager. In kleineren Gruppen von fünf oder sechs Zelten, manchmal auch mehr, zusammengebastelt aus Plastikplanen, Jutesäcken, Holzresten, und was sonst normalerweise im Müll landet. Die Felder der flachen Hochebene tragen zartes Grün, abgegrenzt vom nahezu pflanzenlosen, steinigen Grenzgebirge zu Syrien.

An der zum Trocknen aufgehängten Wäsche ist zu erkennen: Was nur annähernd nach einem Gebäude aussieht und ein Dach über dem Kopf verspricht, wird bewohnt. Rohbauten, Garagen, Schuppen oder etwa ein seit vielen Jahren ungenutztes und dem Verfall Preis gegebenes Schulgebäude.

Die 25-jährige Roukaya lebt in diesem Schulgebäude gemeinsam mit Verwandten und Bekannten aus ihrem Heimatdorf in der Nähe der syrischen Hauptstadt Damaskus. Insgesamt 50 Personen, fast nur Frauen und Kinder, die Älteste etwa 80 Jahre alt, das jüngste Kind, ein Bub ist 1einhalb Jahre alt. Einige sind schon bald ein Jahr hier. Roukaya kam vorige Woche an. Die Situation in ihrem Heimatdorf hat sich verschärft. Bomben sind eingeschlagen Plötzlich war ihr Wohnhaus zwischen den Fronten des Bürgerkriegs. Als die Schießerei kurz unterbrochen war, hat Roukaya gemeinsam mit ihrem Mann und ihren vier Kindern die Flucht gewagt. Nach sieben Stunden nächtlichem Fußmarsch voller Angst haben sie den Libanon erreicht. Hier sind sie zumindest sicher. Und sie haben ein Dach über dem Kopf. Das ist aber auch schon alles. Ein leerer Raum, ein Draht mit einer Glühbirne, eine Autobatterie und zwei Matten am Boden. Und bekannte Gesichter, vor allem Frauen mit Kindern, deren Familienväter verschleppt wurden und deren Schicksal ungewiss ist. Ihre Kinder sitzen bei ihr und lehnen sich mit leeren Blicken an sie.

Was Roukaya in den nächsten Wochen tun wird, weiß sie nicht. "Wir leben derzeit nur von einem auf den anderen Tag. Sonst gibt es derzeit nichts zu planen." Natürlich hofft sie, bald nach Syrien zurückkehren zu können. Aber danach sieht es momentan gar nicht aus. Wie sie vor wenigen Stunden aus den Nachrichten erfahren hat, wurden 50 Menschen in ihrem Dorf getötet.

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Stefan Maier im Zeltlager Dalhamieh - 16.04.2013

Roda und ihre Kinder, Foto: Stefan Maier

Dalhamieh

Das Zelt ist noch nicht ganz fertig. Die 25jährige Roda ist mit ihren vier Kindern erst letzten Samstag angekommen. Noch teilen sie ihre Unterkunft mit einer anderen Familie. Nahe Verwandte, von denen Roda wusste, wo sie sich aufhalten. An die zwanzig Zelte sind es mittlerweile auf dem Grundstück. Hundert Meter weiter, in einer ähnlichen Zeltansiedlung, war gerade große Aufregung. Der österreichische Außenminister war mit einer großen Delegation zu Besuch.

Der fünfjährige Sohn von Roda zeigt seine Fußverletzung. Eine ganze Nacht waren sie quer durch das Gebirge unterwegs, um den sicheren Libanon zu erreichen. Irgendwo zwischen den Steinen ist er gestürzt.

Was Roda und ihre Kinder vor der Flucht erlebt hatten, erzählt sie in wenigen Sätzen. Vor zwei Wochen ist Rodas Mann in einen Schusswechsel geraten. Drei Tage später ist er seinen Verletzungen erlegen. Nachdem Roda bereits vor einigen Monaten ihren Bruder bei einem Artillerieangriff verloren hatte, beschloss sie gemeinsam mit ihren Kindern und ihrem Vater von zu Hause wegzugehen um einen sicheren Ort im Libanon aufzusuchen. Nur ihre Mutter musste in Syrien bleiben. Sie war zu schwach für einen mehrstündigen Fußweg.

Bereits beim ersten Checkpoint in Syrien wurde ihr Vater mitgenommen. Einige Minuten später konnte sie nur mehr seinen Leichnam am Boden liegen sehen. Die Kehle war durchgeschnitten.

Roda hat jetzt hier in Dalhamieh zumindest einen sicheren Platz gefunden. Sie erzählt ihre Erlebnisse anderen Frauen in der kleinen Zeltsiedlung. Und sie hört auch ähnliche Geschichten von den anderen.

Roda war bereits bei Maria im Caritas-Büro von Taalabaya. Sie hat sich registrieren lassen und erwartet in den nächsten Tagen ein Startpaket (Lebensmittel, Hygiene-Kit, Gutscheine für Kleidung). Das kann sie gut brauchen. Denn sie und ihre Kinder haben, seitdem sie aus Syrien weggegangen sind, noch immer dasselbe Gewand am Leib. Von ihrer Mutter hat sie nichts mehr gehört.

Neben dem neuen Zelt von Roda lebt der 15-jährige Jassem, ebenfalls noch nicht lange hier. Bei einem Raketenangriff auf die syrische Stadt Homs hat er auf der Flucht seine Eltern aus den Augen verloren. Jeder ist in eine andere Richtung davon gelaufen. Seither ist er - völlig traumatisiert - alleine unterwegs. Irgendwie hat er es geschafft, nach Dalhamieh zu kommen, wo er eine ferne Verwandte wiedergefunden hat. In den ersten Tagen nach seiner Ankunft hat er nur geschwiegen. Mittlerweile spricht er wieder. Mit langen Pausen und sehr leise.

Ob es das Schicksal des kleinen Jassem ist, oder das der Familie von Roda, die Caritas kümmert sich. um jeden einzelnen und ist derzeit praktisch die einzige Hilfsorganisation, die hier tätig ist.

 

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Andreas Zinggl im Mor Gabriel Klosters, Ajaltoun - 15.04.2013

Das Kloster Mor Gabriel, Foto: Stefan Maier

"Mein Hirn arbeitet nicht mehr.", so die Reaktion von Herrn Ibrahim, 60, auf die Frage, wie es für ihn und seine Familie in Zukunft weitergehen könnte. Den Tag verbringt er zum großen Teil im Hof des Mor Gabriel Klosters, in Ajaltoun, einer Ortschaft im Libanongebirge, etwa 30 km nördlich der Hauptstadt Beirut. Ein paar Mal war er in Beirut, um Gespräche in diversen Botschaften zu führen. Die Chancen auf Asyl in einem europäischen Land stehen schlecht. Sonst zieht ihn nichts in die Stadt. Dort ist alles nur teuer. Also bleibt er lieber gleich hier im Kloster, geht auf und ab, spaziert im Kreis und dreht wieder um. Im Kreis drehen sich auch seine Gedanken.

Begonnen hat alles am 8.November 2012, um halb drei Uhr früh. Bewaffnete Männer überfielen sein Dorf Ras Al Ain im Nordosten Syriens, schossen wie wild um sich. Sie drangen in jedes einzelne Haus ein, beginnend mit der Polizeistation. Ziel des Angriffs waren die 250 christlichen Familien im Dorf. Wer nicht schnell genug die Flucht ergreifen konnte, wurde getötet. Sie plünderten den Supermarkt und zerstörten die Schule und alles was nur irgendwie an Christen erinnern könnte. Nicht einmal die Flaschen mit alkoholischen Getränken vergaßen sie zu zerschmettern. Wie Herr Ibrahim später von einem muslimischen Freund erfahren konnte, gehörten die Männer einer fundamentalistischen Gruppierung an, die von zahlreichen Söldnern aus Libyen, Tunesien und dem Irak unterstützt wird.

Der Bürgerkrieg in Syrien hat viele Facetten. Aber für Minderheiten wird die Lage immer prekärer.

"Ich verstehe nicht, warum sie das alles getan haben! Wir haben niemandem etwas angetan, in Frieden gelebt, nie Waffen besessen.", Herr Ibrahim schüttelt verständnislos den Kopf. Ihm und seiner Familie ist die Flucht geglückt. Zwei Söhne sind jetzt in der Türkei. Er selbst, seine Frau und sein dritter Sohn haben ein Zimmer im Mor Gabriel Kloster bekommen. Seit fünf Monaten ist er bereits hier.

Zum Glück lebt seine Tochter in Schweden und kann gelegentlich etwas Geld schicken. Nicht viel, aber das ist die einzige Einnahmequelle. Und die Caritas. Das war bisher die einzige Hilfe, die er bekommen hatte. Mit 200 Dollar Soforthilfe, einem Lebensmittelpaket und einem Hygienekit.

Ob er die Nachrichten von Syrien verfolgt? "Jede Minute!" Die Antwort folgt sofort. Fernsehen, Radio, Internet, jede Information saugt Herr Ibrahim auf. Wie sein Eindruck von der jetzigen Situation ist? Lange Pause. Dann folgen - mit Tränen in den Augen und leiser Stimme - zwei Wörter: "Blut, Zerstörung."

 

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