Jahresbericht 2005

Abenteuer Nächstenhilfe

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Gelebte Solidarität schillert in vielen Farben: Sie findet sich auf Flohmärkten zu Gunsten von Menschen in Not ebenso wie in der Katastrophenhilfe. Sie leuchtet auf, wenn Frauen und Männer für andere beten, Suppe ausschenken oder ihre Brieftaschen öffnen und taucht Stammtische, an denen sich jemand für Toleranz einsetzt, in ein helles Licht. In der Pfarr-Caritas und youngCaritas spenden Menschen das teuerste Gut unserer Ära: Zeit.
 
Gemeinsam mit den fast 10.000 hauptberuflichen MitarbeiterInnen, aber auch den Unternehmen, Vereinen, Schulen und PolitikerInnen bilden sie alle das, was Caritas als gelebter Nächstenliebe in ihrem Wesen ausmacht.
 
Anfang 2005 kann man diese Solidarität mit Händen greifen: Nach der Tsunami-Katastrophe spenden Kinder ihr Taschengeld, Pfarren, Vereine, Privatpersonen starten Sammelaktionen. Auch die KatastrophenhelferInnen der Caritas stehen freilich im Dauereinsatz, um die Opfer in Indien, Indonesien und Sri Lanka mit Essen, Wasser, einem Dach über dem Kopf zu versorgen - ebenso wie nach dem verheerenden Erdbeben in Pakistan Anfang Oktober.
 
Während auf persönlicher Ebene viele mithelfen, das Gewebe der Solidarität zu verdichten, wird das österreichische Sozialsystem an den Rändern zunehmend löchriger. Im Frühjahr lässt der aktuelle Sozialbericht der Bundesregierung alle Alarmglocken schrillen: Demnach werden zwar die Reichen immer reicher, gleichzeitig wächst jedoch das Heer der akut armen Menschen in Österreich auf 460.000 Betroffene drastisch an. Besonders gefährdet, in die Armut abzurutschen: AlleinerzieherInnen, kinderreiche Familien, MigrantInnen, Langzeitarbeitslose.
 
Als Caritas stehen wir Tag für Tag Menschen in Not mit Rat und Tat zur Seite. In der traditionellen Caritas-Novemberkampagne zugunsten von Menschen in Not in Österreich, diesmal unter dem Motto »Schicksal Armut?« machen wir auf das Los der Betroffenen aufmerksam - und zeigen auf, dass Armut kein Schicksal bleiben muss. Die Caritas bekommt durch diesen besorgniserregenden Trend wachsender Armut freilich mehr Arbeit als ihr lieb ist.
 
Ziel muss bleiben, dass der Staat seine Verantwortung gegenüber den Schwächeren in der Gesellschaft tatkräftig wahrnimmt und sich durch das persönliche Engagement der vielen, vielen tausend Menschen in dieser Aufgabe anspornen lässt. Dann wäre die Wasserwaage der Solidarität in der richtigen Balance, weil die gelebte Solidarität in den Strukturen der Gesellschaft ihre Entsprechung fände.
 
Am Ende des Jahres verleiht Benedikt XVI dem »Netz der Nächstenliebe« eine besondere Imprägnierung: In seiner Antrittsenzyklika »Deus caritas est« betont er: »Zu einer besseren Welt trägt man nur bei, indem man selbst jetzt das Gute tut, mit aller Leidenschaft und wo immer die Möglichkeit besteht, unabhängig von Parteistrategien und -programmen.« (31 b)
 
Damit spricht der Papst an, was diese gelebte Solidarität auch bedeutet: einen Vorgeschmack auf den Himmel. Für die Caritas heißt das, dass wir geerdet und gehimmelt zugleich agieren müssen.
 
Franz Küberl,
Caritas Präsident

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