Der Caritas "Für Eine Zukunft Ohne Hunger" Blog – hier bloggen Caritas MitarbeiterInnen, berichten von Lebensgeschichten Betroffener und Projekten vor Ort. Dieses Jahr im Fokus: Jordanien & Südsudan.
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Leben im Stall – zu Wucherpreisen

Mehr als 600 000 syrische Kriegsvertriebene leben aktuell in Jordanien, die meisten von ihnen im Norden des Landes. In manchen Gebieten hat sich die Wohnbevölkerung dadurch mehr als verdoppelt – und die Wohnungsnot führt zu Wucherpreisen.

Wer nicht in Flüchtlingslagern lebt, wohnt meist in miserablen Unterkünften und zahlt dafür einen hohen Preis. So auch Familie Alsmadi: Sie lebt in einem Stall am Stadtrand von Irbid. Wo früher Schafe blökten, leben heute mehrere Flüchtlingsfamilien in einzelnen Abteilen. Zu horrenden Preisen, bei unzumutbaren Lebensbedingungen: "Es gibt kein fliessendes Wasser hier, auch das müssen wir kaufen", sagt Vater Waled.

Sein Sohn Souad ist zehn Jahre alt und der einzige der Familie, der Geld verdient. Nach der Schule sammelt er altes Brot, trocknet es an der Sonne und verkauft es an die Bauern für die Schafe. Souad stottert schwer. Seine Mutter erzählt: "Bei einem Bombenangriff in unserer Heimatstadt Homs hat er sich in einem Auto versteckt. Wir haben ihn verzweifelt gesucht, aber erst abends gefunden. Seither kann er nicht mehr richtig sprechen."

Trotzdem übernimmt das Kind auf bewundernswerte Weise Verantwortung für die ganze Familie. Denn wenn der Vater arbeitet, ist das Risiko zu gross, dass ihn die Polizei aufgreift und zurück nach Syrien schickt.

Text & Fotos: Caritas Schweiz– http://dasrichtigetun.caritas.ch/syrien

Ein neues Haus für Familie Abu-Saif – „Mein Funken Hoffnung!“

Hind Abu-Saif und eine Caritas-Mitarbeiter werfen einen Blick ins Badezimmer.
Familie Abu-Saif in ihrem neuen Haus

Die Härte des Lebens zeigt sich in den Geschichten so vieler syrischer Flüchtlinge – eine von ihnen ist Hind Abu-Saif. Die 38jährige Mutter von acht Kindern zwischen 3 und 18 Jahren floh im Oktober 2012 nach Jordanien.

"Ich hatte an diesem Tag keine andere Wahl, als mit meinen Kindern davon zu rennen", erzählt Hind: "Diese Szene wird für immer in mein Gedächtnis eingebrannt bleiben - und in das meiner Kinder: Eine Gruppe bewaffneter Menschen brach in unser Haus in Daraa' ein, zerrte meinen Ehemann Khaled nach draußen und verhörte ihn. Sie schlugen ihn auf den Kopf, dann erschossen sie ihn und zündeten das Haus an!" Hind konnte mit den Kindern nur knapp entkommen.

Hind und ihre Kinder flohen nach Jordanien und landeten zunächst im Flüchtlingslager Zaatari. Dort blieben sie vier Monate. "Ich würde eher nach Syrien zurück gehen, als in dieses Lager", sagt Mohammad, mit 17 Jahren der älteste Sohn. Seine Schwester Manar (18) teilt seine Meinung: "Es war kalt und staubig. Keine guten Lebensbedingungen." Da die 5jährige Taghreed an Epilepsie leidet und regelmäßig Behandlung benötigt, die im Lager nicht möglich war, entschloss sich Hind, einen Weg hinaus aus dem Lager zu finden.

Mit der Hilfe eines Mannes, der Familien getöteter Syrer unterstützt, fand Hind ein Haus in Jordaniens Hauptstadt Amman. Der Mäzen half ihr mit der Miete für die Wohnung für die ersten 6 Monate. "Trotzdem reichte unser Geld nicht, um alle satt und gesund zu halten. Ich hatte zuerst keine Idee, wie ich meinen Kindern besser helfen könnte", sagt Hind, "aber dann sagten mir Nachbarn, ich solle doch in das Caritas Center schauen."

Caritas Mitarbeiter hörten sich Hinds Geschichte an und registrierten sie als offiziellen Flüchtling. Die Caritas unterstützt Hinds Familie mit Coupons für Lebensgrundmittel, zudem wurden im Haus einige Arbeiten durchgeführt (Elektrische Lampen in allen Räumen, Wasserpumpe im Bad). Die Wartungskosten und Winterkleidung für die Kinder wurde von Spendern der Caritas Österreich gezahlt.

"Jetzt ist mein Hauptanliegen, dass meine Kinder eine gute Bildung bekommen! Das wollte mein Mann immer und mein Ziel ist es, seinen Wunsch zu erfüllen."

Text & Fotos: Caritas Jordanien . Übersetzung: Nikolaus Trimmel

Der Krieg nahm ihm seine Sprache

Suheil Semdan ist 6 Jahre alt. Vor drei Jahren ist Suheils Familie aus Syrien geflüchtet. Vater Muhamad hatte an Demonstrationen teilgenommen, wurde verhaftet und gefoltert. Seither ist der ehemalige Bauarbeiter am Bein gelähmt und kann kaum mehr gehen. Die rettende Grenze zu Jordanien war erst nach wochenlangen Irrwegen zu Fuß erreicht.

Doch auch Jordanien ist kein sicherer Hafen: "Im Flüchtlingslager Zaatari kann man die Kinder nicht alleine draußen spielen lassen, es ist zu gefährlich", sagt Muhamad. Es sind acht kleine Kinder, um deren Sicherheit er bangt - die Familie zieht weiter. Ihre erste Unterkunft verlieren sie schon bald wieder, der Vermieter stellt die Familie auf die Straße, als die Miete nicht fristgerecht eintrifft.

Die lange, schreckliche Flucht schlägt tiefe Wunden. Die Familie hat alles verloren, Suheil auch seine Sprache. "Im Lager konnte er plötzlich nicht mehr sprechen. Das hat sich seither nicht gebessert und ich mache mir große Sorgen", erzählt der Vater.

Und jetzt in Irbid: Zwar eine sichere Unterkunft, aber zu klein und heruntergekommen, die Miete hoch. Die Armut ist groß, der Alltag trostlos. Suheil und seine sieben Geschwister bleiben meistens in der Wohnung, weil die Eltern Angst haben. Oft spielt der Vater mit ihnen, in seiner unendlich liebevollen Art. Im Winter, wenn die Temperaturen unter null Grad sinken, rücken alle zusammen und packen sich in Decken ein. Der kleine Heizstrahler vermag nur wenig Wärme zu geben. Gas zum Heizen ist nebst Miete und Ernährung zu teuer.

Eine Arbeit dürfen Flüchtlinge in Jordanien nicht annehmen. Wer gegen das Verbot verstößt, wird zurück nach Syrien geschickt. "Wir haben kein Geld, und nun kürzt die UNO die Lebensmittelgutscheine. Wovon sollen meine Kinder leben?" sagt Muhamad. "Aber zurück nach Hause können sie auch nicht. Alles ist zerstört und ohne Dokumente können wir nicht beweisen, dass der Boden, auf dem früher unser Haus stand, uns gehört."

Ein Lichtblick für Suheil ist die Geburt seines Bruders Amer. "Er hält den Kleinen immer in den Armen und versucht ihn zu schützen", erzählt die Mutter. Das Baby fühlt sich bei ihm geborgen und schläft seelenruhig. Seit der Flucht sucht Suheil seine Sprache und Sicherheit, die er zumindest seinem Bruder schenken kann.

Gefangen im Vakuum der Flucht lebt die Hoffnung an einem kleinen Ort. Caritas hilft: mit Lebensmittelgutscheinen, Mietzuschüssen und psychologischer Betreuung der traumatisierten Kinder - konkrete Überlebenshilfe und Begleitung für syrische Flüchtlinge auf dem noch langen Weg in eine neue Zukunft.

Text & Fotos: Caritas Schweiz – http://dasrichtigetun.caritas.ch/syrien

Ein Königreich für "BABA"

Dass Tartisio Wandu Bimo sein 60. Lebensjahr schon überschritten hat, merkt man dem lebensfrohen Südsudanesen kaum an. Doch viel Gelegenheit dazu, fröhlich zu sein, hatte der Urenkel der ehemaligen Königsfamilie der Azande in seinem bisherigen Leben nicht:

Kurz nach Ende seiner Schulzeit kam es zum Ausbruch des Bürgerkrieges - einer der längsten und grausamsten Kriege in der Geschichte Afrikas, der bis heute nie vollständig endete.

In der kurzen Friedenszeit Mitte der siebziger Jahre gelang es Wandu, tropische Landwirtschaft zu studieren, die in seinem weiteren Berufsleben seine Passion werden sollte. In der Hoffnung auf Frieden machte der junge Agronom Land im Regenwaldgebiet seiner königlichen Vorfahren urbar und kultivierte eine Kaffeeplantage mit wertvollen Kaffeesorten. Doch der Krieg brach erneut aus, zerstörte die Kaffeeplantage und Wandu musste zusammen mit seiner Familie in die benachbarte Zentralafrikanische Republik flüchten. Dort teilte er mit hunderttausenden von Südsudanesen das Schicksal eines vieljährigen Exils.

Nach dem Friedensabkommen 2005 kehrte Tartisio Wandu in seine Heimatregion Western Equatoria zurück und versuchte, als landwirtschaftlicher Berater Fuß zu fassen. Seine Vision war es, das einst als "Kornkammer Zentralafrikas" bezeichnete Western Equatoria landwirtschaftlich zu entwickeln, sodass Bauern wieder Nahrungsmittel für die durch den Krieg hungernden Menschen im Norden des Landes erzeugen können. Diese Idee wurde von der Caritas zusammen mit der Diözese Tomura-Yambio und anderen Partnern weiterentwickelt und 2010 in die Tat umgesetzt. Tartisio Wandu wurde Produktionsleiter und verantwortlich für die Arbeit von 16 landwirtschaftlichen Beratern, die Bauerngruppen durch Training und Starthilfen in Form von Saatgut und Gerätschaften unterstützen.

Für Tartisio Wandu brach nun nach den vielen Kriegs- und Flüchtlingsjahre eine glückliche Zeit an, die ein Einkommen und die Entwicklung seiner Heimat versprachen. Doch es war nicht nur die landwirtschaftliche Entwicklung, die Wandu im Auge hatte. Schon lange träumte er von einer eigenen kleinen Organisation, die das kulturelle Erbe der Azande erhalten kann. Seine Idee war es, ein kleines Kulturzentrum im Land seiner Vorfahren zu gründen. Neben der Aufzeichnung von Liedern und Geschichten der Azande, wollte Wandu auch die traditionellen Kulturpflanzen der Region sammeln und nachzüchten.

So gründete Tartisio Wandu im letzten Jahr mit finanzieller Hilfe der Caritas die lokale Organisation "BABA". BABA bewirtschaftet zurzeit 15 Hektar Land mit kostbaren Kaffee-, Ananas- und Erdnusssorten. Insgesamt 25 traditionelle Nutzpflanzen wurden wiederentdeckt und werden im kommenden Jahr auf der BABA Farm vermehrt. Nach all den Kriegsjahren gibt es in Western Equatoria wieder Hoffnung auf eine florierende landwirtschaftliche Produktion, die auch traditionelle Nutzpflanzen angepasst für die kommenden Generationen erhält.

So kann Sultan Wandu Bimo wieder froher in die Zukunft seiner Heimatregion blicken.

Text & Fotos: Matthias Fettback

Die Rückkehr der Bauern

Anne Mario (ca. 35) und ihr Mann (ca. 40) kommen aus dem Ort Nzara im Südsudan. Trotz des langen Bürgerkrieges hatte die Familie ihre Landwirtschaft in dem kleinen Gehöft Nakpazigi, ca. 20 km von Nzara entfernt, nicht aufgegeben. Doch vor ein paar Jahren überfielen Rebellen der gefürchteten Lord Resistance Armee (LRA) die Ortschaft. Viele Bauern wurden ermordet, Kinder entführt und von der grausamen Rebellenarmee zu Kindersoldaten gemacht.

Anne und ihre Familie waren gezwungen zu fliehen und ihre Farm aufzugeben. Sie wurden von Verwandten in Nzara aufgenommen. Doch durch den Verlust der Farm, ihrer einzigen Einkommensquelle, konnte die Familie die Schulgelder ihrer Kinder nicht mehr bezahlen. Der Lebensunterhalt der ganzen Familie war bedroht.

Anne Mario ergriff zusammen mit ihrem Mann die Initiative und gründete eine landwirtschaftliche Gruppe von Bauern, die ihr Schicksal teilten. So entstand 2011 die Bauerngruppe Nakpasigi, bestehend aus 15 Familien, die zusammen neben dem traditionellen Mais- und Erdnussanbau auch eine Bananen- und Ananasplantage betreiben. Die Frauen haben sich zudem zu einer Gartengruppe zusammen geschlossen und bauen Gemüse für den Markt im Ort Nzara an.

Das von der Caritas geförderte Projekt in der Diözese Tombura-Yambio hat durch Starthilfen und einen landwirtschaftlichen Beratungsdienst wesentlich dazu beigetragen, dass Anne Mario und ihre Familie wieder zu ihrem Farmland nach der Vertreibung durch die LRA zurückkehren konnten.

Jetzt geht es der Familie Mario und den anderen Mitgliedern der Nakpasigi-Bauerngruppe wieder besser: Mais, Erdnüsse, Bananen und Ananas werden produziert und die Frauengruppe kann Gemüse gewinnbringend auf den lokalen Märkten der Umgebung verkaufen. Endlich hat die Familie wieder genug Geld, um ihre Kinder in die Dorfschule zu schicken und die Medikamente gegen Malaria und Typhus bezahlen zu können.

Text: Matthias Fettback ・ Fotos: Paul Jeffrey

Ein Heim der Glücklichkeit

Sister Bianca ist mit ihren fast 70 Jahren die dienstälteste Ordensschwester in der Diözese Tombura-Yambio, Südsudan. Mit großem Stolz berichtet sie, dass sie die erste einheimische Schwester in der Diözese war und sich noch gut an die Anfänge der lokalen kirchlichen Arbeit nach der Kolonialzeit, Ende der 50er Jahre, erinnern kann.

Als junge Ordensschwester hat sie damals dabei mitgeholfen, das Noviziat in der Diözese aufzubauen. Ihre Ordensgemeinschaft gründete in Mupoi eine Schule für Mädchen, Sister Bianca wurde in den 60er Jahren zu ihrer Leiterin. Das Schulungszentrum entwickelte sich in der Folge zu einem der Besten in der Region.

Doch dann brach der lange Bürgerkrieg aus und das Zentrum einschließlich der Kirche wurde zerstört. Die Schwestern mussten fliehen. Sister Bianca zeigt uns Einschusslöcher in den Mauern und Kriegsmalereien an den Wänden, die noch heute von der schrecklichen Zeit zeugen.

Das Leid der Kinder in den Bürgerkriegswirren hat Sister Bianca schon damals zu tiefst betroffen gemacht. Zusätzlich zu den Kriegseinwirkungen kam es zu immer mehr tödlichen HIV/AIDS-Infektionen, was die Zahl der verwaisten Kinder in der Region dramatisch ansteigen ließ. Sister Bianca entschloss sich spontan, ihr Leben in der geschützten Ordensgemeinschaft aufzugeben, um sich ganz für die notleidenden Kinder einsetzen zu können.

Sie begann, sich um Waisenkinder und Kinder mit psychischen Leiden zu kümmern, die von den Verwandten und der Großfamilie verstoßen worden waren. So kam es zur Gründung des St Bakhita Children Home – benannt nach der Heiligen Bakhita, deren Namen auf arabisch "Glücklich" bedeutet.

Zuerst lebte Sister Bianca mit ihren Pflegekindern in Source Yubu im Dreiländerreck zur Demokratischen Republik Kongo und der Zentralafrikanischen Republik. Doch von dort wurde sie von den Rebellen der Lord Resistance Armee vertrieben und entkam mit den Kindern den Grausamkeiten der Krieger nur knapp. Nach tagelanger Flucht zu Fuß mit den Kindern fand sie im 60 km entfernten Ort Tombura Unterkunft und gründete dort ein neues Zuhause für ihre Waisenkinder.

Die Caritas unterstützt das St Bakhita Children Home seit Jahren mit Lebensmitteln und beteiligt sich an den Kosten für die medizinische Versorgung und den Schulgeldern der Kinder. In Zukunft soll das Zentrum mit qualifiziertem Personal ausgestattet werden, um den Bedürfnissen gerade der behinderten Kinder gerechter zu werden.

Text & Fotos: Matthias Fettback