„Migration muss man in der Ganzheit sehen, die entsteht nicht an der Grenze Europas“

Melita Sunjic ist zwei Jahre alt, als ihre Familie von Kroatien nach Österreich flieht. Ihre Kindheitsjahre verbringt sie in Flüchtlingslagern in Steyr und Linz. Nach dem Studium arbeitet sie als Journalistin und anschließend über 25 Jahre für UNHCR. Seit zwei Jahren führt sie ihre eigene Agentur „Transcultural Campaigning“ und berät ihre KundInnen bei der Planung und Umsetzung transnationaler Kampagnen. 

Caritas Österreich: Was sagen Sie als Kommunikationsexpertin zum derzeitigen Migrationsdiskurs?  

Melita Sunjic: Ich habe zwei zentrale Anliegen. Erstens möchte ich, dass die Migrationsdebatte endlich wieder faktenbasiert wird. Die Migrationsdebatte wird von beiden Seiten moralisierend und emotional geführt. Das hilft uns nicht weiter und wir sehen, dass die Migrationsproblematik in Europa steckt. Jedes Mal, wenn ein neues Schiff anlegen möchte, haben wir exakt die gleichen Diskussionen, von exakt den gleichen politischen Kräften und es führt zu keiner Lösung. Zweitens funktionieren moderne Demokratien eigentlich so, dass man auch mit den Betroffenen spricht. Nur in der Migrationsdebatte, lässt man das aus. Da wissen dann alle anderen was am besten ist.

Caritas Österreich: Wie sehen sie das europäische Migrationssystem?

Melita Sunjic: Ich habe einmal sieben Thesen zur Migration aufgestellt und eine der wichtigsten ist, dass wir Migration nur eurozentrisch anschauen. Wir nehmen sie erst wahr, wenn die Menschen schon an unseren Grenzen sind. Und dann sagen die einen „Sperrt sie ein und lasst sie nicht reinkommen“ und die anderen „Alle müssen reinkommen“. Beides ist keine Lösung. Migration muss man in der Ganzheit sehen, die entsteht nicht an der Grenze Europas, Migration entsteht im Ursprungsland. Eine gewisse und geregelte Migration hat es immer gegeben, wird es immer geben und ist sinnvoll und zielführend. Wenn wir merken, dass es aus einem Land massenhaft Emigration gibt, dann müssen die Alarmglocken schrillen und dann müssen wir uns das anschauen und überlegen, was man in dem Land ändern kann. Damit die Leute, die eigentlich nicht migrieren wollen, eine Perspektive haben und bleiben können. Es wird dann immer noch welche geben, die migrieren wollen und das sollen sie auch, wir migrieren ja auch: die Erasmusprogramme, man heiratet, man hat woanders einen Job, man will sich die Welt anschauen. Das ist alles ok, aber, wenn ich sehe, welche Risiken und Kosten die Leute auf sich nehmen, um über diese Balkanroute zu kommen…Bis zu zwanzig Mal werden sie an der kroatischen Grenze aufgehalten, verprügelt, zurückgeschickt und gehen wieder. Da stimmt doch etwas nicht. Wenn sie flüchten müssen, muss man schauen, wie man Konflikte beilegen kann und wenn es keine wirtschaftlichen Perspektiven gibt, dann muss man durch wirtschaftliche Maßnahmen sicherstellen, dass die Menschen dortbleiben können und dass die Länder blühen.

Caritas Österreich: In einer Ihrer Thesen schlagen sie ein „Gastarbeiterprogramm 2.0“ vor. Wie stellen Sie sich das vor?

Melita Sunjic: Ich habe kürzlich eine Studie mit westafrikanischen Asylwerbern gemacht und sie gefragt, wie vernünftige Programme aussehen könnten. Sie haben alle gesagt: „Lasst uns ein bisschen arbeiten, lasst uns Erfahrungen sammeln, lasst uns Geld ansparen. Wir wollen zuhause leben können und das Auslangen finden.“ Wenn man denen ein Migrationsprogramm vorschlägt, mit dem sie kommen können, sich qualifizieren, etwas lernen und dann mit einem gewissen Geldbetrag zurückkehren können, um etwas aufzubauen, es vielleicht auch noch ein Gründungsprogramm in den Herkunftsländern gibt, dann hat man einen wesentlich vernünftigeren Technologietransfer und wesentlich vernünftigere Entwicklungsimpulse als mit irgendwelchen Entwicklungshilfeprojekten.  

Deswegen würde ich mir ein Gastarbeiterprogramm 2.0 wünschen, wo man sagt: Es gibt Flüchtlinge, für die gibt es die Flüchtlingskonvention und die Asylbehörden und an dem soll man auch nichts ändern. Aber für jene, die nach Europa kommen, weil sie ein besseres Leben wollen und die wir auch brauchen, benötigt es einen geordneten Weg. Da braucht es eine Migrationspolitik, die Rücksicht darauf nimmt was die Wirtschaft braucht, darauf, was sozial verträglich ist, darauf was die Herkunftsländer brauchen und auf die Bedürfnisse der Migranten.

Caritas Österreich: Was sind die gängigsten falschen Vorstellungen von Migranten und Migrantinnen über ein Leben in Europa?

Melita Sunjic: Viele sagen: „Ich habe zwei Hände, ich bin fleißig, ich werde dann arbeiten und meine Familie erhalten“. Sie wissen nicht, dass hier die Grundvoraussetzungen ganz andere sind, dass die Qualifikationen ganz andere sind. Das Problem ist, dass die Diaspora übertreibt wie gut es ihnen geht. Weil sie unter einem immensen Erfolgsdruck stehen – ihr Leidensweg muss sich ja gelohnt haben. Wenn ich auf dem Weg nach Europa vergewaltigt wurde, die Familie zwei Mal für mich Lösegeld gezahlt hat, ich fast ertrunken bin, ich Leute in der Wüste sterben gesehen habe - dann muss ich an dem Gedanken festhalten, dass es sich ausgezahlt hat, sonst ist ja mein Leben sinnlos. Und das zu durchbrechen ist unglaublich schwierig.

2012, als es bereits sehr viele Todesopfer im Mittelmeer gab, damals allerdings hauptsächlich Somali und Eritreer, wurde ich vom UNHCR damit beauftragt, das zu erforschen und die Menschen in den Herkunftsländern über die Gefahren der Reise und über die tatsächlichen Bedingungen in Europa zu informieren. Wir haben dann Testimonials von Migrantinnen und Migranten in Europa aufgenommen, in denen sie die wahre Geschichte (Telling the real story) über ihr Leben in Europa und den Weg dorthin erzählen. Es ist uns mit der Kampagne gelungen, die Waage umzuschlagen. Die jungen Leute haben gesagt: „Ok, wir verstehen, dass Europa vielleicht nicht das richtige ist, aber welche Perspektiven haben wir hier?“ Und da habe ich auch die Grenzen von Informationskampagnen verstanden. Es sind zuerst die Push-Faktoren, die man bekämpfen muss und dann kann man mit Informationskampagnen diese Mythen aufarbeiten.

Caritas Österreich: Was bedeutet Heimat für sie?

Melita Sunjic: Heimat ist für mich da, wo die Familie ist. Heimat ist nicht so sehr ein Ort oder der Großglockner, ich fühle mich auch in meiner alten Heimat sehr wohl und am Meer. Ich lebe in beiden Kulturen, ich bin zweisprachig, lese Literatur in beiden Sprachen und fühle mich in beiden wohl. Aber, wenn ich es verorten muss, dann ist es dort wo die Familie ist.

Die UN-Flüchtlingsorganisation ‚UNHCR‘ wurde im Jahr 1950 gegründet, um nach dem zweiten Weltkrieg den Millionen von Menschen zu helfen, die während des Krieges ihr Zuhause verloren hatten oder geflüchtet waren. Ein Jahr später wurde die Genfer Flüchtlingskonvention verabschiedet, die bis heute das wichtigste internationale Dokument für den Flüchtlingsschutz darstellt und Grundlage für die Arbeit von UNHCR ist.

Als Balkanroute werden zusammenfassend Routen zwischen dem Nahen Osten und Europa über den Balkan bezeichnet. Man unterscheidet zwei Routen: (1) die Westbalkanroute über den inneren Balkan, von Griechenland über Nordmazedonien und Serbien sowie (2) die Ostbalkanroute vom Bosporus (Türkei) über Bulgarien und Rumänien die Donau aufwärts nach Serbien.

Ein Gastarbeiterprogramm erlaubt ausländischen ArbeitnehmerInnen sich vorübergehend im Gastland aufzuhalten und zu arbeiten. 

Von 2015 bis 2019 sind über 15.000 Menschen beim Versuch das Mittelmeer zu überqueren gestorben bzw. gelten als vermisst.