Nordirak: Eine Million Flüchtlinge lebt in Zelten, Containern, Rohbauten

23.02.15

Flüchtlingskind im Nordirak

Viele Kinder im Nordirak sind von Krieg und Flucht traumatisiert. Die Caritas

startet Projekte um ihnen Kindheit zurückzugeben.

 

Die autonomen Region Kurdistan im Norden des Iraks ist geprägt von Flüchtlingen vor der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Weit mehr als eine Million Christen, Yeziden (Jesiden), Sunniten, Syrer und weitere Minderheiten leben in Zeltstädten, Containern, Rohbauten. Der Wintereinbruch Anfang des Jahres hat die Situation nochmals verschlechtert, das Land ist Schauplatz einer humanitären Katastrophe.

Nur rund ein Zehntel der über zwei Millionen Binnenvertriebene im Irak leben in den Flüchtlingscamps, 160.000 davon allein in Kurdistan, erklärt Michael Landau, Präsident der österreichischen Caritas bei einer Pressereise in die Region. "Besonders problematisch ist die Situation für 670.000 Menschen, die in verlassenen oder nicht fertiggestellten Gebäuden, informellen Camps, Kirchen, Moscheen oder Schulgebäuden leben.

 

"Für die Flüchtlinge geht es jeden Tag ums nackte Überleben"

 

Für sie geht es jeden Tag ums nackte Überleben", betont Landau. Kompliziert gestaltet sich für NGOs oft auch der Zugang zu der betroffenen Bevölkerung. Nach Angaben der Caritas leben insgesamt rund 3,6 Millionen Menschen in von den IS-Milizen kontrollierten Regionen und können daher von humanitären Organisationen nur schwer erreicht werden.

Mit Stichtag 15. Februar hielten sich allein im Kwargosk Camp, rund 30 Fahrminuten von Erbil entfernt, 10.291 syrische Flüchtlinge auf, viele von ihnen auch aus der syrische Kurdenstadt Kobane. Das Camp wurde bereits im August 2013 eröffnet, zahlreiche Menschen leben seither in einem der rund 2.000 Zelten.

So wie der syrische Flüchtling Fanar Omar, der bereits seit 16 Monaten hier ist und mittlerweile für das UN-Kinderhilfswerk UNICEF arbeitet. Im Camp ist man um Normalität bemüht, die Kinder besuchen die Schule, es gibt zahlreiche Geschäfte, Marktstände, in einem Zelt werden sogar Brautkleider verkauft, ein anderes wurde mit einem Billardtisch ausgestattet.

 

Yousef will wieder zurück nach Syrien

 

Auch der 41-Jährige Ismaiel Abdalahlim Yousef lebt mit seiner Frau und fünf Kindern im Alter zwischen sieben und 15 Jahren in einem der Zelte, der Boden ist mit Matratzen ausgelegt, in der Ecke steht ein Fernseher. Die Zukunftsaussichten der Familie sind trist, eine Arbeit hat niemand. An Luftangriffe sei man schon gewöhnt, "wenn der IS kommt, können wir eh nichts mehr tun", konstatiert der Mann nüchtern. Sobald es die Lage erlaubt, möchte er mit seiner Familie wieder nach Syrien zurück.

An eine Rückkehr der Vertriebenen könne momentan aber überhaupt nicht gedacht werden, bekräftigt Marco Labruna von der Caritas-Partnerorganisation Un Ponte Per (UPP). "Viele wollen auch nicht zurück, sie haben das Vertrauen verloren", ergänzt Lukas Voborsky, Mitarbeiter der Schweizer Caritas. "Mehr als die Hälfte der Flüchtlinge sind Kinder", berichtet Christoph Schweifer, Auslandshilfe-Generalsekretär der Caritas. "All ihre Möglichkeiten, soziale Sicherheit zu erleben, sind substanziell eingeschränkt."

 

Psychologische Unterstützung für traumatisierte Kinder

 

Mit speziellen Projekten will die Caritas den Kindern ihre Kindheit wieder zurückzugeben. Mehr als eine Million der Flüchtlinge im gesamten Irak sind Kinder. Im Kwargosk Camp besuchen Psychologen und Sozialarbeiter von UPP die Familien. Die traumatisierten Eltern und Kinder erhalten Unterstützung, viele leiden an Depressionen, Angstattacken, posttraumatischen Belastungsstörungen, schildert Beata, Mitarbeiterin der UPP.

In Ainkawa, einem Vorort von Erbil, unterstützt die österreichische Caritas rund 5.000 Flüchtlingskinder. Die Lehrkräfte von fünf Schulen erhielten eine Weiterbildung, um auf die Folgeerscheinungen von Trauma und Stress bei den Kindern eingehen und adäquate Hilfe leisten zu können.

In der Alhekma-Schule werden zusätzlich zu den 1.600 Schülern 600 Flüchtlinge unterrichtet. "90 Prozent der Kinder haben Tötungen, Explosionen und Entführungen selbst gesehen", verdeutlicht Direktor Zirak Abbas. Der Unterricht findet nun im Schichtbetrieb statt, am Vormittag werden Buben, am Nachmittag Mädchen unterrichtet.

Es ist wichtig, dass Bildung auch in Fluchtsituationen ermöglicht wird, die Schule kann helfen, den Kindern ein Gefühl von Normalität und Sicherheit zu vermitteln, erklärt Christoph Schweifer. Damit könne auch eine "Lost Generation" vermieden werden, meint Landau. "Diese Kinder brauchen dringend Möglichkeiten, Erlebtes zu verarbeiten", fordert der Caritas-Präsident.

Eine Stunde pro Woche sind Psychologen in den Klassen, sprechen mit den Schülern, lassen sie ihre Erlebnisse zeichnen. "Das große Problem ist, dass die Kinder ihre Angst nicht zurücklassen können. Sie sind den ganzen Tag mit dem Krieg konfrontiert, wenn sie nach Hause kommen, läuft dort der Fernseher mit den Nachrichten", erklärt die Psychologin Naz Baban. "Viele Kinder haben Panikattacken und Schlafstörungen."

 

"Ich will vergessen und normal weiterleben"

 

Im Juni brachte die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) die nordirakischen Millionenstadt Mossul unter ihre Kontrolle. Zwei Monate zuvor war der 15-jährige Abdullah mit seiner Familie geflüchtet. "Es war schlimm, ich hatte ständig Angst", erzählt er. Der Bub ist wortkarg, "ich will das alles einfach nur vergessen und normal weiterleben", begründet er.

Sein Schulkollege, der 15-Jährige Omar, war schon 2010 aus Bagdad geflüchtet. Vor der Invasion der US-Truppen in der irakischen Hauptstadt 2003 war der Großteil der Bevölkerung Sunniten, viele wurden vertrieben, der Anteil der Schiiten nahm kontinuierlich zu. "Sie wollten mich und meine Familie töten, wegen meines sunnitischen Namens", erinnert sich Omar. "Hier in Erbil habe ich eine Zukunft, ich muss keine Angst um meine Familie haben."

 

(Quelle: Angelika Kreiner/APA)