Integration - Ein Syrer als "Dorfelektriker" in Vorarlberg

31.10.16

Caritas versucht mit "start2work" Flüchtlinge in Arbeitsmarkt zu integrieren - Landau wünscht sich von Bundesregierung "sinnvolle Projekte" - Bischof warnt vor "Hass-Worten"

APA-Meldung vom 28. Oktober

Der 30-jährige Syrer Mohsen Osman ist nun nicht mehr voll auf die Mindestsicherung angewiesen - er trägt mit Stolz den dunkelblauen Firmenpullover des "DorfElektrikers" in der 11.000-Seelen-Gemeinde Götzis in Vorarlberg. Dort versucht die Caritas im Rahmen des Projekts "start2work" mit einem elfwöchigen Qualifizierungskurs Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren, bei 62 Prozent gelingt es.

 

Bei Integrationsverweigerung wird Mindestsicherung gekürzt

"Des mach ma, des probier ma", dachte sich Geschäftsführer Herbert Mittelberger, als die Caritas beim "DorfElektriker" um ein Praktikum für Osman angefragt hat. Jährlich 400 anerkannte Flüchtlinge über 19 Jahre können seit heuer an dem Programm teilnehmen, das auch Teil der Vorarlberger Integrationsvereinbarung sein kann. Bei Integrationsverweigerung kann die Mindestsicherung gekürzt werden. "start2work" beinhaltet einen Deutschkurs, einen elfwöchigen Kurs mit Gruppen- und Einzelcoachings sowie Arbeitspraktika.

Ziel ist es, die Flüchtlinge möglichst in Bereichen unterzubringen, in denen sie qualifiziert sind. Die Flüchtlinge werden großteils an Klein- und Mittelbetriebe vermittelt, erklärte Karoline Mätzler von der Caritas Vorarlberg, denn die KMU könnten viel besser auf einzelne Mitarbeiter reagieren.

 

Keine "Sozialromantik"

Diese Erfahrung machte auch Osman beim 60-Mann-Betrieb "DorfElektriker", wo er mittlerweile seit einigen Monaten arbeitet: Die Kollegen halfen ihm und seiner kleinen Familie kurzerhand beim Siedeln, damit er jetzt nur mehr zwei Minuten zu Fuß in die Arbeit gehen muss, erzählt der 30-Jährige. Osman sei "ein netter, anpassungsfähiger Mann", das sei "am Bau" ein wichtiger Punkt, erklärte Chef Mittelberger. Von Sozialromantik hält er aber nichts, soziales Engagement soll letztlich eine Win-Win-Situation sein: "Mein Ziel ist: ich will einen Top-Mitarbeiter." Natürlich sei der Arbeitsalltag mit Osman derzeit noch wie eine Lehre, "da brauchen wir uns nix vormachen".

 

Herausforderung Deutschlernen

Ziel sei es aber, dass er Schritt für Schritt die österreichische Ausbildung im Betrieb abschließt. Hauptthema sei, dass der 30-Jährige noch besser Deutsch lernen müsse. Das sieht auch Osman selbst so, wobei ihm eher die Ländle-Besonderheiten Schwierigkeiten bereiten: "Jeder Kollege redet einen anderen Dialekt, aber im Deutschkurs hab ich nur Hochdeutsch gelernt."

 

Keine Nachbarschaftshilfe mehr

Während seines Asylverfahrens hat Osman schon im Rahmen der Caritas-"Nachbarschaftshilfe" gearbeitet. Asylwerber bekamen dabei vier Euro pro Stunde für private Hilfsarbeiten in Haus und Garten. Nach über 20 Jahren wurde das Projekt im Sommer auf Betreiben des Sozialministeriums wegen rechtlicher Bedenken eingestellt. Das Aus "schmerzt", sagte Vorarlbergs Caritas-Direktor Walter Schmolly, auch steige dadurch der Betreuungsaufwand für die Caritas. Er würde von den Mitgliedern der Bundesregierung erwarten, "dass sie sinnvolle Projekte möglich machen", statt sie zurückzudrängen, pflichtete Caritas-Präsident Michael Landau bei.

 

"Die Herausforderung ist zu bewältigen"

In Vorarlberg ziehe die Politik an einem Strang und es herrsche Konsens, die Aufgabe gemeinsam zu bewältigen, lobte Schmolly, der auch bat, Augenmerk auf die Relationen zu legen: In den ersten neun Monaten heuer habe es in Vorarlberg 530 positive Asylbescheide gegeben, im selben Zeitraum hätten 395 Flüchtlinge ein fixes Dienstverhältnis bekommen. "Das zeigt: die Herausforderung ist zu bewältigen."

 

Hass im Netz bereitet Sorge

Die zunehmende Polarisierung beim Flüchtlingsthema und der Hass im Netz bereitet der Kirche allerdings Sorgen. "Eine Not darf nicht gegen die andere ausgespielt werden", betonte Landau. Es sei auch wichtig, "eine Kultur der guten Worte zu pflegen", "eine Kultur der Wahrheit", ergänzte der Vorarlberger Bischof Benno Elbs.

 

Atmosphäre des Hasses

"Worte füllen die Atmosphäre mit Wirklichkeit - Hass-Worte füllen die Atmosphäre mit Hass", warnte der Bischof. Angesprochen auf die Warnung von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache vor einem "Bürgerkrieg" war Elbs um Beruhigung bemüht: Wenn man nach den Caritas-Prinzipien der Versöhnung und Großherzigkeit lebe, "muss man keine Angst vor dem Bürgerkrieg haben".