Corona verschärft soziale Ungleichheit

18.02.21

Anna Parr, Generalsekretärin der Caritas Österreich appelliert für drei Maßnahmen zur Armutsbekämpfung und mehr soziale Gerechtigkeit

Die im Jänner veröffentlichte Oxfam-Studie macht deutlich: Die Krise verschärft die Ungleichheit – egal ob beim Einkommen, zwischen den Geschlechtern oder Menschen unterschiedlicher Herkunft. Prognosen zufolge könnten die weltweit ärmsten Menschen länger als ein Jahrzehnt benötigen, um die Auswirkungen der Pandemie zu überwinden. Anna Parr, die Generalsekretärin der Caritas Österreich: „Ungleichheit drückt sich während der Pandemie in vielfältigen Formen und Zusammenhängen aus. Das betrifft schon die Gesundheitsrisiken: Menschen, die in Armut leben, sind dem Virus am stärksten ausgesetzt. Auch die ökonomischen Auswirkungen sind ungleich verteilt. Und schließlich hängt viel von der sozialen Lage der Menschen ab: Diejenigen mit höheren Einkommen können finanzielle Einbußen besser verkraften. Und Kinder, deren Eltern sie beim Homeschooling gut unterstützen können, werden weniger aufzuholen haben.“

Am Welttag der Sozialen Gerechtigkeit appelliert die Generalsekretärin für nachhaltige Maßnahmen vor allem für jene, die besonders von der Pandemie betroffen sind: „Viele Menschen sind im letzten Jahr in existenzielle Schwierigkeiten geraten. Das spüren wir auch in unseren 53 Sozialberatungsstellen. Viele haben in diesem Jahr zum ersten Mal unsere Hilfe benötigt. Über die Monate des Andauerns der Krise beobachten wir, dass sich ihre Probleme massiv verschärft haben.“ Staatliche und private Unterstützungsmaßnahmen waren extrem wichtig und haben auch gegriffen, aber langfristig sei vor allem auch Nachhaltigkeit in den Maßnahmen ein wichtiger Faktor, sagt Parr: „Um einer strukturellen Benachteiligung aufgrund der Pandemie entschieden entgegenzuwirken, braucht es auch langfristige Maßnahmen.“ Am Welttag der Sozialen Gerechtigkeit spricht sich die Generalsekretärin für drei besonders wichtige Maßnahmen aus, um konkret arbeitslose Menschen, Armutsbetroffene, und Kinder nicht langfristiger Benachteiligung auszusetzen:

Anhebung des Arbeitslosengeldes

Die Kurzarbeit, Einmalzahlungen für Arbeitslose, die Anhebung der Ausgleichszulage und die Einrichtung des Corona-Familienhärtefonds haben viele Menschen vor dem Schlimmsten bewahrt. Studien belegten: Der Sozialstaat wirkt und hat sich als Schutzmauer in der Corona-Krise bewiesen. Es zeigt aber auch, dass ebendiese zusätzliche Maßnahmen notwendig sind, um Menschen in – gesellschaftlichen oder privaten Krisen – vor Existenznöten zu bewahren: „Wir sehen einmal mehr, dass das Arbeitslosengeld nicht armutsfest ist. Mit 55% liegt die Nettoersatzrate auch unter dem OECD-Durchschnitt von 63%.“ Viele Branchen werden sich nicht so bald erholen und mit Fortdauer der Krise steigt der Druck auf arbeitslose Menschen, sagt Parr weiter. Insofern begrüßt sie die Verlängerung der Kurzarbeit und appelliert langfristig für eine Erhöhung des Arbeitslosengeldes bei gleichzeitiger Beibehaltung der Notstandshilfe: „Wir müssen sicherstellen, dass Menschen trotz Jobverlusts ausreichend Geld für Lebensmittel, Heizen und anfallende Mieten haben.“

Langfristig gilt natürlich auch, dass Beschäftigung der beste Schutz gegen Armut ist. Besonders besorgniserregend sieht Parr die Verfestigung der Langzeitarbeitslosigkeit und damit auch die zunehmende Gefahr für die betroffenen Menschen, in Armut zu rutschen: „Personen, die bereits vor Ausbruch von COVID-19 arbeitslos waren haben aktuell kaum Chancen, einen Job zu finden. Was es jetzt braucht sind mutige zusätzliche öffentliche Investitionen um dringend benötigte Arbeitsplätze zu schaffen und weitere Beschäftigungsprogramme zu finanzieren. Es gibt genügend Branchen, in welchen wir mit einem Fachkräftemangel konfrontiert sind. Genau hier liegt die große Chance, arbeitslose Menschen durch gute Ausbildungs- und Kooperationsmodelle mit Unternehmen einen Weg in Beschäftigung zu ermöglichen.“

Grundlegende Überarbeitung der Sozialhilfe Neu

Als zweite wichtige Maßnahme sieht Parr eine grundlegende Überarbeitung der Sozialhilfe. Momentan bringt sie beispielsweise für Wohnungslose, für Arbeitssuchende, für Menschen mit Behinderung und für Familien mit Kindern schlimme finanzielle Einbußen. Dabei wäre es genau die Aufgabe einer Sozialhilfe, eben ein Mindestmaß an finanzieller Existenzsicherung und einen angemessenen Lebensstandard sicherzustellen. Parr: „Von unseren Sozialberatungsstellen wissen wir: Die neue Sozialhilfe verstärkt die Problemlagen vieler Menschen. Beispielsweise führt die Anrechnung der Wohnbeihilfe auf die Sozialhilfe bei vielen zu Einkommensverlusten. Zudem stehen die vielen Kann-Bestimmungen, die den Ländern unterschiedliche Gestaltungsspielräume öffnen, an einem Sozialhilfegesetz, das österreichweit entsprechende Mindesterfordernisse festschreibt, im Weg.“ Es brauche eine Novellierung und armutsfeste Gestaltung der Sozialhilfe, das Ziel müsse eine bundesweite Vereinheitlichung sein, so die Generalsekretärin.

Beste Bildung von Anfang an

Lange Phasen des distance-learnings und die damit einhergehenden Ängste und Sorgen der Schülerinnen sowie der fehlende Kontakt zu Bezugspersonen haben für viele Kinder Lerndefizite verursacht. Besonders schwer haben es jene aus sozioökonomisch benachteiligten Familien, weiß Parr: „Der digitalisierte Unterricht ist gerade für Kinder aus benachteiligten Familien eine zusätzliche Herausforderung. Häufig verfügen sie nicht über ein eigenes, internetfähiges Gerät oder einen entsprechenden Internetzugang. 70% der Kinder machen ihre Lernaufgaben über das Mobiltelefon – meist jenes der Eltern.“

Mit den 56 Lerncafés kann die Caritas österreichweit 2.100 Kinder unterstützen. 96% dieser Kinder schließen das Schuljahr positiv ab. Parr: „Angebote, wie dieses – kostenlose Lernhilfe – sind gerade jetzt dringend notwendig. Aktuell warten 1.000 Kinder auf einen Platz in einem unserer Lerncafés.“ Doch auch abseits der Corona-Krise müsse bei der Bildung angesetzt werden, um Kinder vor einem Weg in die Armut zu bewahren, so Parr: „Wir wissen: Je niedriger der Bildungsabschluss, desto größere die Gefahr, zukünftig selbst in Armut zu leben. Deshalb braucht flächendeckend ein gutes Fundament in der elementaren Bildung sowie ganzheitliche, ganztägige Schulformen, die allen Kindern ein vielfältiges Programm und Qualität in der Betreuung garantieren. Nicht zuletzt sehen wir einen Chancen-Index bei der Vergabe von Ressourcen an Schulen als notwendig. Denn für Schulen, die mit größeren Herausforderungen konfrontiert sind, braucht es mehr finanzielle Mittel, um sowohl für die SchülerInnen als auch für die Lehrkräfte Förderangebote und Unterstützung sicherzustellen.“

Abschließend sagt die Generalsekretärin: „Die Pandemie hat auf alle Menschen negative Auswirkungen. Doch jetzt müssen wir unser Augenmerk besonders auf jene legen, deren  Zukunftschancen nun besonders schlecht stehen, um sie nicht – weiter – in die Armut abrutschen zu lassen. Gesellschaften sind nur dann zukunftstauglich, wenn sie auf die Schwächsten nicht vergessen. In Österreich gibt es eine gute Tradition des sozialen Miteinanders. Diese darf auch und besonders durch eine Pandemie nicht verloren gehen.“

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Melanie Wenger-Rami

Caritas Österreich
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