„Migration und Integration werden in Österreich stark defizit-orientiert diskutiert“

Judith Kohlenberger ist Kulturwissenschaftlerin an der Wirtschaftsuniversität Wien. Seit Herbst 2015 arbeitet sie zu Fluchtmigration und Integration, unter anderem im Rahmen des Refugee Health and Integration Survey (ReHIS) zur psychosozialen Gesundheit von Geflüchteten in Österreich. Aktuell leitet sie am Institut für Sozialpolitik ein Forschungsprojekt zu den Integrationswegen geflüchteter Frauen. Wir haben uns mit Judith über den öffentlichen Diskurs zu Migration, die Bedeutung der Gesundheit für den Integrationsprozess und erste Erkenntnisse ihrer aktuellen Studie unterhalten. 

© Christian Lendl

Caritas Österreich: Was waren aus deiner Sicht die spannendsten Erkenntnisse deiner bisherigen Forschung?


Kohlenberger: Wir haben herausgefunden, dass gerade die Geflüchteten, die 2015 nach Österreich gekommen sind, aus der gut gebildeten Mittelschicht ihrer Länder stammen. Der Grund ist, dass eine Flucht nach Europa nicht nur sehr gefährlich, sondern auch sehr teuer ist. Eine Person hat zwischen 2.000 und 4.000 USD für den Weg von Damaskus nach Wien bezahlt. Das entspricht einem durchschnittlichen Jahreseinkommen in Syrien vor der Krise. Höhere Bildung führt also zu höherer Mobilität. Im Umkehrschluss heißt das auch, dass die Ärmsten der Armen das Land gar nicht verlassen konnten, zu sogenannten Binnengeflüchteten wurden oder in Nachbarländer wie Jordanien geflüchtet sind, in denen es große Flüchtlingslager gibt.


Caritas Österreich: Wo siehst du den zentralen Baustein – was fehlt im öffentlichen Diskurs am meisten, wenn es um dieses Thema geht?


Kohlenberger: Ich sehe einen stark defizit-orientierten öffentlichen Diskurs. Migration und Integration werden auf EU-Ebene vorrangig als Sicherheitsthemen besprochen: in Form von Grenzschutz oder Auslagerung des Migrationsmanagements in Länder, die Menschenrechte verletzen, wie die Türkei oder Libyen. Aber auch auf der nationalen Ebene sehen wir eine ähnlich defizitäre Diskussion. Das fast schon Ironische daran ist: Diese Menschen sind zu uns gekommen, weil sie sich nach Sicherheit sehnen. Als Hauptmotivation für die Flucht nach Europa werden demokratische Grundwerte wie Rechtsstaatlichkeit, Freiheit und Sicherheit für die Familie genannt. Viele von ihnen flohen vor genau diesem Terror, den wir nun leider auch in Wien erleben mussten. Und deshalb ist es besonders perfide genau diesen Menschen zuzuschreiben, dass sie die Unsicherheit im jeweiligen Aufnahmeland erhöhen würden.

Der zweite problematische Diskurs ist jener, der Flüchtlinge rein als Opfer sieht.  Das Wort „Flüchtling“ an sich ist ja schon verkleinernd und diminutiv, und der Opferdiskurs ist sehr paternalistisch. Natürlich ist es gut, wenn Menschen geholfen wird. Aber mir fehlt da sehr deutlich der Fokus auf die Ressourcen, auf die Fähigkeiten und Fertigkeiten geflüchteter Menschen.


Caritas Österreich: Politisch gesehen hat sich seit 2015 viel getan. Aktuell arbeitest du mit anderen ExpertInnen an einem Integrationsplan für 2021. Worum geht es da genau?


Kohlenberger: Es handelt sich dabei um ein Maßnahmenpaket, das ExpertInnen, darunter auch Menschen an der Basis, gemeinsam erarbeiten. Wir haben das Maßnahmenpaket in vier Teile unterteilt. Ich koordiniere einen dieser Teile, nämlich jenen zum Thema „Gesundheit“. Der Integrationsplan soll regelmäßig erscheinen. Wir haben noch vor COVID mit der Ausarbeitung begonnen, deshalb ist unser erstes Schwerpunkthema „psychische Gesundheit“. Das ist, glaube ich, auch ein ganz zentraler Punkt, der in der Diskussion über Geflüchtete, aber auch über MigrantInnen allgemein, leider häufig übersehen wird.


Caritas Österreich: Inwiefern?


Kohlenberger: Die Flucht- und Migrationserfahrung und die vorhergehende Kriegserfahrung können sehr traumatisierend sein. Und das ist eben auch ein Integrationsthema. Menschen, die von Depressionen oder Angststörungen betroffen sind, werden sich oft beim Deutschlernen schwertun. Ein Symptom von Depressionen ist akute Lern- und Konzentrationsschwäche. Das kann man nicht der oder dem Einzelnen ankreiden und ihm/ihr vorwerfen, dass er/sie sich eben nicht bemühe. Hier kommen strukturelle Gründe zum Tragen, wie z.B., dass es in Österreich zu wenig Therapieplätze gibt – nicht nur für Geflüchtete, sondern für alle Menschen in Österreich. Es gibt sehr lange Wartelisten. Diese Gemengelage – man befindet sich zwar endlich in einem sicheren Land, aber ist lange, teilweise jahrelang, gefangen im Nichtstun, kann sich nicht sinnvoll betätigen – verstärkt psychische Belastungen. Man könnte das aber frühzeitig abfangen. Dann bräuchte es gar nicht so viele Therapieplätze oder medikamentöse Unterstützung, was für den Einzelnen und das Gesundheitssystem sehr belastend ist. Man könnte bereits ganz niederschwellig damit anfangen, Aufnahmebedingungen für Geflüchtete besser und humaner zu gestalten. Das alleine hätte schon einen nachweisbar positiven Effekt auf die spätere psychische Gesundheit und damit den Integrationserfolg, wie die Forschung deutlich zeigt.


Caritas Österreich: Was könnte man an Maßnahmen umsetzen, um einen gleichen Zugang zum Gesundheitssystem für MigrantInnen, Geflüchtete und ÖsterreicherInnen zu schaffen?


Kohlenberger: Strukturelle Diskriminierung spiegelt sich auch im Gesundheitssystem wider. Es müssten daher Vorurteile und Diskriminierung abgebaut und Teilhabe ermöglicht werden. Denn schlechtere Gesundheit hängt mit schlechterem Einkommen und schlechterer Bildung zusammen. Es geht vielfach darum, einen guten Informationsfluss sicherzustellen, auch das war in der COVID-Krise von Anfang an ein Thema. Leider sind wir noch nicht zu dem Selbstverständnis gelangt, ein Einwanderungsland zu sein. Für andere Länder ist es ganz normal, wichtige Verordnungen sofort in die wichtigsten Migrantensprachen übersetzen zu lassen. Weil das alle wissen müssen, damit sich auch alle daranhalten können. Wenn das bei uns überhaupt passiert, dann nur verspätet, fehlerhaft und unvollständig.

Ein Leuchtturmprojekt, das in Deutschland erprobt wurde, auch im Zuge der Flüchtlingsbewegung 2015, war der Einsatz der sogenannten „Gesundheitslotsen“, die Peer-to-Peer Unterstützung geboten haben. Das heißt, dass Neuankommende in einem Land jemanden zur Seite gestellt bekommen, der idealerweise selbst Flucht- und Migrationshintergrund hat, aber schon länger da ist, der einem einerseits sprachlich hilft, aber auch wichtige soziale und kulturelle Übersetzungsleistungen übernimmt. In Österreich war 1450 [Anm.: die österr. Gesundheitsnummer] ursprünglich dazu gedacht, PatientInnen in Gesundheitsfragen zu beraten, damit nicht alle in Spitalsambulanzen gehen, die schon vor Corona überlastet waren. Die Grundidee für 1450 war also sehr gut, in der Umsetzung hat es jedoch gehapert. Unter anderem, weil Menschen mit Migrationshintergrund nur begrenzt (wenn überhaupt) in anderen Sprachen als in Deutsch beraten werden konnten. Auch deshalb wäre es wichtig, innerhalb der Communities Menschen zu haben, die diese Gesundheitslotsen-Funktion übernehmen.


Caritas Österreich: Du arbeitest gerade an einer Studie zu den Integrationswegen von Frauen mit Fluchterfahrung. Im öffentlichen Diskurs in Bezug auf Flucht ist der Fokus auf jungen Männern. Frauen, in der Regel Ehefrauen oder Töchter, ziehen eher später nach. Gibt es bereits erste Zwischenergebnisse, die du mit uns teilen kannst?


Kohlenberger: Derzeit sind wir noch mitten in der Analyse. Was sich aber schon zeigt, ist, dass gerade die Frage, ob eine geflüchtete Person Familie hat und wer die Sorgearbeit in der Familie übernimmt, ein wesentlicher Integrationsfaktor ist. Denn das sind üblicherweise Frauen.

Einerseits bindet Sorge- und Pflegearbeit Zeitressourcen, die man braucht, um Integrationsmaßnahmen wahrzunehmen, um Kurse und Frauencafés zu besuchen usw. Andererseits haben Frauen einen gewissen Vorteil dadurch, dass sie durch die Sorgearbeit auch stärker in Kontakt mit der Aufnahmegesellschaft kommen. Sie sind diejenigen, die mit den Kindern zum Arzt oder der Ärztin, in den Kindergarten, zu Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen oder in die Krabbel-Stube gehen.

Die Ableitung davon ist, dass es staatliche Strukturen braucht (Kindergarten etc.), um Sorgearbeit besser zu verteilen und auch Männern diese Chance zu geben. Das betrifft im Grunde alle in Österreich lebenden Menschen: Einzelne frauenpolitische Maßnahmen kommen allen zu Gute. Vor allem auch der heranwachsenden Generation: Frauen sind Vorbilder für junge Mädchen und geben Bildung wesentlich stärker an ihre Kinder weiter als das Männer tun.

 

Caritas Österreich: Abschließende Frage: Was bedeutet Heimat für dich?

 

Kohlenberger: Ich tue mir mit der Antwort etwas schwer, weil der Begriff „Heimat“ politisch und emotional sehr aufgeladen ist. Was ich auch aus meiner eigenen Forschung mitnehme: Heimat sind eigentlich die Menschen, unter denen man sich akzeptiert/ zuhause fühlt. Das ist immer wieder betont worden, von vielen Teilnehmenden in unseren Studien. Das Recht auf Familie ist ein Grundbedürfnis aller Menschen. Das macht Heimat aus. In der COVID-Diskussion sehen wir das wieder: Darf ich meine erweiterte Familie im Ausland besuchen? Da geht es ja weniger darum, in dieses bestimmte Land, die alte Heimat, zu reisen. Es geht vielmehr um das soziale Gefüge, das einem mit dem Land verbindet, und das ist aus Sicht der soziologischen Forschung ganz wesentlich.