"Ich bin überzeugt, dass es vielfältige Möglichkeiten gibt, MigrantInnen in ihren Bemühungen institutionell, administrativ aber auch strukturell zu unterstützen."

Dr.in Katerina Kratzmann graduierte an der Humboldt Universität zu Berlin und schrieb ihre Magisterarbeit über Theorien und Praxen der Fremdenfeindlichkeit. In Wien promovierte sie an der Universität Wien zum Thema irreguläre Migration in Österreich. Nach einer langjährigen Tätigkeit für die Internationale Organisation für Migration (IOM) in Wien – wo sie zuerst als Forschungsleiterin und dann als Landesdirektorin tätig war – arbeitet sie nun wieder in Berlin für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Dort leitet Katerina Kratzmann die Politikberatung des Ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung zum Themenbereich Flucht. Bei der Common-Home-Publikation ist sie als Co-Autorin tätig.

Caritas Österreich: Was bedeutet Heimat für dich?

 

Kratzmann: Der Heimatbegriff ist diskursiv stark aufgeladen – wird er doch oft assoziiert mit dem Herzen, dem Sich-zu-Hause-Fühlen und der sozialen Zugehörigkeit. Heimat ist, wo man herkommt, wo man Freunde hat, wo man sich auskennt, wo man sich wohlfühlt. Für mich persönlich liegt die Heimat in Berlin und in Wien, was sich aus meiner Biographie ergibt. Ich möchte auf keine der beiden sehr unterschiedlichen Städte verzichten und brauche beide Orte mit den Menschen, die darin leben. Auf gewisse Art bin ich durch diese beiden Orte auch heimatlos, da Heimat meist exklusiv verstanden wird.

 

Caritas Österreich: Wo siehst du Zusammenhänge zwischen Migration und Entwicklung?

 

Kratzmann: Migration und Entwicklung sind auf vielfältige Art und Weise verknüpft. Die typische Verbindung ergibt sich über die verschiedenen Communities von MigrantInnen, die zur Entwicklung ihres Herkunftslandes beitragen – häufig über Geldtransfers, die ja bekanntlich bei weitem die Gelder der internationalen Entwicklungszusammenarbeit übersteigen. Weiterhin sehe ich heute eine Art „interconnectedness“ [Anm.: Verflechtungen], die – nicht zuletzt durch Technik und die moderne Kommunikation –  Möglichkeiten eröffnet, viele Dinge zu transferieren: Wissen, Konzepte, Prozesse, Arbeitsweisen und Strategien gehören hier zu den Wichtigsten, um neue Impulse zu setzen.

 

Caritas Österreich: Was bedeutet erzwungene Migration genau? Und wie steht erzwungene Migration im Zusammenhang mit Fragen von gesellschaftlicher Entwicklung?

 

Kratzmann: Das ist keine einfache Frage. Einerseits unterscheide ich ganz klar zwischen erzwungener Flucht (aufgrund von Vertreibung durch Konflikte) und freiwilliger Migration (aufgrund von Arbeit, Studium, Familienzusammenführung, etc.). Diese Unterscheidung ist sehr wichtig, da die Umstände sehr verschieden sind für die Menschen und andere rechtliche Mechanismen greifen. Andererseits wissen wir natürlich, dass man eben diese Unterscheidung nicht so einfach treffen kann, da sich Wanderungsmotivationen häufig mischen – Stichwort „mixed migration flows“. Zusätzlich gibt es neben Flucht auch andere  Gründe für erzwungene Migration wie beispielsweise die Auswirkungen der Klimakrise (Dürre, Hunger, Klimakatastrophen). Für die Betroffenen ist es sicher unvergleichlich einfacher einen Beitrag zu gesellschaftlicher Entwicklung zu leisten, wenn sie sich in einer gesicherten Lebenssituation befinden. Daher schätze ich die Möglichkeiten von Flüchtlingen bzw. Asylsuchenden beizutragen geringer ein, als jene von MigrantInnen. Umso mehr muss anerkannt werden, wenn es auch von Ersteren Bemühungen gibt, Familien und Freunde in den Herkunftsländern zu unterstützen. Das ist eine herausragende Leistung.

 

Caritas Österreich: Was sind aus deiner Sicht die wichtigsten Erkenntnisse aus der „Common Home“ Publikation?

 

Kratzmann: Eine wichtige Erkenntnis ist, dass die Beiträge, welche MigrantInnen in Österreich und in den Herkunftsländern zur gesellschaftlichen Entwicklung einbringen, sehr unterschiedlich und von vielen Faktoren abhängig sind. Es ist – wie immer – kompliziert und generalisierende Aussagen können kaum getroffen werden. Für die Motivation des Einzelnen spielt die eigene Lebenslage eine große Rolle: Wie viel Verbindung habe ich zum Herkunftsland (familiär und politisch-ideologisch)? Habe ich eine Community hier, welche die Unterstützung leichter macht oder sogar fördert? Habe ich zeitliche und finanzielle Ressourcen, um mich zu engagieren? Habe ich Netzwerke und organisatorische Fähigkeiten? Das sind alles Fragen, die eine große Rolle spielen. Daher ist es wichtig, auf unterschiedlichen Ebenen anzusehen, was MigrantInnen beitragen und wo sie eventuell auch begrenzt werden und es noch Luft nach oben gibt. Ich bin überzeugt, dass es vielfältige Möglichkeiten gibt, MigrantInnen in ihren Bemühungen institutionell, administrativ aber auch strukturell zu unterstützen.

 

Caritas Österreich: Du hast bereits viel Expertise im Migrationsbereich gesammelt. Gab es trotzdem im Zuge deiner Recherchen für die „Common Home“ Publikation etwas, was dich überrascht hat?

 

Kratzmann: Ja, es überrascht hat mich eigentlich, dass viele Menschen, mit denen ich gesprochen habe, einen Beitrag zur Entwicklung in ihrem Herkunftsland leisten – und gleichzeitig ihr Engagement nicht als „Entwicklungsbeitrag“ titulieren würden. Sie haben das Empfinden, es handelt sich um eine persönliche private Handlung – ohne entwicklungspolitische Relevanz. Da kann man noch Einiges machen. Außerdem hat mich überrascht, dass der Ansatz der Agenda 2030, internationale Partnerschaften auf Augenhöhe im Interesse des globalen Gemeinwohls einzugehen, teilweise so interpretiert wird, dass man gesellschaftliche Entwicklung nun auf alle Staaten bezieht – inklusive der Industriestaaten. Dies spiegelt sich in der Studie vor allem in den Teilen zur Integration in Österreich. Ich bin der Meinung, dass die Agenda einen ganz wichtigen Impuls darstellt die internationale Zusammenarbeit zu transformieren, auch in Richtung einer Auflösung von Geber- und Nehmerverständnis; aber wirtschaftliche Unterschiede in Ländern zu ignorieren ist nicht zielführend. Die Länder des globalen Südens brauchen nach wie vor unsere Unterstützung und es muss Ziel bleiben, Armut zu reduzieren sowie weltweiten Fortschritt im Einklang mit sozialer Gerechtigkeit und im Rahmen der ökologischen Grenzen der Erde zu gestalten.

 

Caritas Österreich: Vor dem Hintergrund deiner persönlichen Migrationsgeschichte – du kommst aus Deutschland, hast lange in Wien gelebt und bist jetzt wieder nach Berlin gezogen – wie erlebst du den aktuellen Diskurs über MigrantInnen und Geflüchtete in Österreich?

 

Kratzmann: Der Diskurs in Deutschland und Österreich ähnelt sich auf gewisse Art und Weise. Die sogenannte „Mitte-Studie“ der Friedrich-Ebert-Stiftung hat dieses Jahr ergeben, dass halb Deutschland Asylsuchende ablehnt und der Rechtspopulismus sich ausbreitet. Das ist wenig verwunderlich, da ablehnende Haltungen oft zeitversetzt kommen – gleichzeitig driftet der Diskurs allerdings immer weiter in Befürworter und Ablehner von Flüchtlingen (MigrantInnen sind hier meist nicht gemeint) auseinander. Meine Befürchtung ist, dass man sich an dieser Schere diskursiv abarbeitet ohne die Gründe dahinter anzusehen: begrenzte Möglichkeiten für wirtschaftlichen Aufstieg und soziale Mobilität, Angst vor Globalisierung, ein sich rasant verändernder Arbeitsmarkt, Anstrengungen im Alltag, etc. Unterschiedlich war hingegen der Umgang Deutschlands und Österreichs nach der Flüchtlingszuwanderung 2015/16. Es gab dieselbe Willkommenskultur, die nach einer Weile abebbte und es folgte in Österreich die jetzige Regierung mit ihrer restriktiven kontrollierenden Herangehensweise und starker Konzentration auf das Thema MigrantInnen und Flüchtlinge; während man in Deutschland eine Sonderinitiative zur Fluchtursachenminderung und Unterstützung der Nachbarstaaten in der Entwicklungszusammenarbeit ins Leben gerufen hat und es Verhandlungen um ein Fachkräftezuwanderungsgesetz gibt, da Deutschland ausländische Arbeitskräfte braucht. Da finde ich den deutschen Zugang produktiver und nachhaltiger.

 

Caritas Österreich: Wie wirkt sich der aktuelle mediale Diskurs – ob in Printmedien oder online via Social Media – auf MigrantInnen und Geflüchtete aus?

 

Kratzmann: Das ist nicht klar untersucht; vor allem nicht, wer in den sozialen Medien was postet – sollte man mal machen. Aus persönlichen Gesprächen weiß ich allerdings, dass der überwiegend negative mediale Diskurs in Österreich bei MigrantInnen und Geflüchteten ein Gefühl der Ablehnung hinterlässt. Schon lang anwesende MigrantInnen-Gruppen wie TürkInnen sehen ihre Leistungen nicht anerkannt und neue Zuwanderer haben den Eindruck, von der Gesellschaft nicht gewollt zu sein. Die Bevölkerung mag teilweise auch diese Haltung haben – aber eben nicht alle und insgesamt ist Ablehnung nicht förderlich für den sozialen Frieden und das Zusammenleben. Die Medien könnten das positiver stützen. 

 

Caritas Österreich: Im Jahr 2018 sind die österreichischen Beiträge für Öffentliche Entwicklungszusammenarbeit auf einen Rekordtiefstand, obwohl sich Österreich im Rahmen der Agenda 2030 der Vereinten Nationen erneut zu einer Erhöhung auf 0,7% des Bruttonationaleinkommens verpflichtet hat. Wofür werden die Gelder verwendet?

 

Kratzmann: Die Verwendung der Gelder liegt für 2018 noch nicht final vor. Schaut man sich die Sektoren der bilateralen Zusammenarbeit im Jahr 2017 an, sieht man, dass die meiste Unterstützung in Bildung floss, gefolgt von humanitärer Hilfe/Sofortmaßnahmen und dem produzierenden Sektor. Profitiert haben vor allem die Türkei, Bosnien und Herzegowina sowie die Ukraine. Darüber hinaus werden ja die Ausgaben für die Betreuung von Asylsuchenden im Inland mit in die ODA [Anm. Official Development Assistance oder öffentliche Entwicklungshilfeleistung] eingerechnet, was vielfach kritisiert wird. Der Rückgang ist vor allem damit zu erklären, dass hier die Ausgaben stark gesunken sind. Weitere Kürzungen der Auslandshilfe sind, denke ich, nicht zielführend. Gerade wenn es einen Rückgang gibt, sollte man ja meinen, dass es mehr Geld für die Bilaterale gibt, um dort bestehende und neue Initiativen zu fördern. Aus meiner persönlichen Sicht ist die österreichische EZA [Anm.: Entwicklungszusammenarbeit] für die heutigen Herausforderungen (zu) konservativ in ihrer Herangehensweise und könnte durchaus eine Erhöhung – aber auch neue Ideen für deren Verwendung – vertragen.

 

Caritas Österreich: Was könnte im Rahmen der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit (EZA) getan werden, damit Menschen nicht gezwungen sind ihr Herkunftsland zu verlassen?

 

Kratzmann: Weltweit sind 68,5 Millionen Menschen auf der Flucht – entweder über internationale Grenzen hinweg oder im eigenen Land als Binnenvertriebene. Diese Menschen könnte die österreichische EZA mehr in den Fokus nehmen. Wie die Studie gezeigt hat, sind die Möglichkeiten erzwungene Wanderungen durch EZA zu mindern begrenzt: gegen akute Fluchtursachen wie einen Krieg kommt die EZA nicht an. Aber die Minderung struktureller Ursachen wie Versagen der staatlichen Institutionen, Armut, Ungleichheit und Perspektivlosigkeit sollte Kerngeschäft der EZA sein. Außerdem wissen wir ja, dass die überwältigende Mehrheit der Menschen auf der Flucht im eigenen Land bleibt oder in einem unmittelbaren Nachbarland; rund 85 Prozent davon in Entwicklungsländern. Diese Staaten leisten Großartiges und haben oft selber Herausforderungen im eigenen Land. Da könnte die österreichische EZA helfen – ebenso wie bei der Förderung der Eigenständigkeit von Flüchtlingen wie sie der „Global Compact on Refugees“ nahelegt.

 

(Interview geführt im April 2019)