„Covid zeigt: Niemand ist sicher, solange nicht jeder sicher ist“

Die Pandemie hat vor allem eines eingeschränkt: unsere Mobilität. Dennoch gibt es nach wie vor Millionen von Menschen weltweit, die in ihrem eigenen Land keine Zukunft sehen, vor Krieg und Kämpfen flüchten müssen oder zwischen zwei Ländern pendeln, um zu arbeiten. Wie verändert sich Migration durch die Corona-Krise? Welche neuen Perspektiven und Richtlinien braucht es?

Darüber haben wir mit Katy Barwise gesprochen. Die Britin forscht an der Internationalen Organisation für Migration (IOM) der Vereinten Nationen in Brüssel zum Thema Migration und Entwicklung. 

Caritas Österreich: Ihr Hauptfokus bei IOM ist Migration und Nachhaltige Entwicklung. Könnten Sie diesen Zusammenhang erklären?

Katy Barwise:
Migration hat wesentliche Auswirkungen auf Entwicklung. Sie kann etwa Entwicklung beschleunigen, soziale, ökonomische und umweltfördernde Entwicklung vorantreiben. Das heißt, wenn wir MigrantInnen nicht schützen, riskieren wir globale Entwicklung.

Caritas Österreich: Inwiefern muss Migration in der Reaktion auf die Covid-Krise berücksichtigt werden?

Katy Barwise: Zum Beispiel beim Thema Grenzschließungen müssen wir jetzt Migration in der Covid-Strategie beachten. Viele MigrantInnen wurden in den letzten Jahren ohne Unterstützung zurückgelassen

Diese Situation hat sich durch die Pandemie verschärft. Mit negativen Folgen, vor allem angesichts dessen, dass viele MigrantInnen im informellen Sektor arbeiten. Viele Menschen, die während der Pandemie migrierten, hatten außerdem keinen Zugang zu gesundheitlicher Versorgung, einfach aufgrund von rechtlichen und administrativen Hürden. Gleichzeitig hat die Krise gezeigt, wie wichtig Migrationsbewegungen für die Wirtschaft, die Gesellschaft und den Gesundheitssektor sind. Gesundheitssysteme hängen stark von Migration ab, zum Beispiel in Bezug auf medizinisches Personal, das aus dem Ausland kommt. Wir stehen derzeit an einer Weggabelung, an der sich entscheidet, ob wir die Nachhaltigen Entwicklungsziele erreichen wollen, in dem wir Migration berücksichtigen und um uns besser von der Krise erholen zu können. 

Caritas Österreich: Inwieweit sollte es daher aus entwicklungspolitischer Sicht eine Anpassung von EU Richtlinien und internationalen Maßnahmen geben?

Katy Barwise: Wir sehen, dass es bereits Adaptionen von Programmen auf EU Entwicklungsebene gab, um diese Herausforderungen zu bewältigen. Zum Beispiel gab es mehrere internationale und nationale Richtlinien zu Migration. Es müssen jedoch konkrete politische Instrumente entwickelt werden, als sozialwirtschaftliche Antwort in der Entwicklungszusammenarbeit. Etwa die Reduktion von Inhaftierungen, die Regulierung von Migration, die Verlängerung von Visas etc. Auch eine universale Gesundheitsversorgung muss gewährleistet sein. Denn Covid hat gezeigt: Niemand ist sicher, solange nicht jeder sicher ist.

Caritas Österreich: Wie beeinflusst Covid-19 die Wahrnehmung von MigrantInnen in Europa?

Katy Barwise: Es gab viele Artikel und Forschung über die Bedeutung von MigrantInnen als Pflege – und Gesundheits – und landwirtschaftliches Personal. Wir wissen jedoch noch nicht, inwieweit das Richtlinien und Gesetze verändern wird. Wir haben gesehen, dass diese Aspekte in den Migrations- und Asylpakt in Europa eingeflossen sind. Ob das eine generelle Veränderung im Narrativ von Migration und MigrantInnen zur Folge hat? Wir hoffen, dass das passiert. 

Auf der anderen Seite, gab es in der Zivilgesellschaft auch verstärkte Fremdenfeindlichkeit, gegenüber MigrantInnen, sogar Angriffe. Das hat mit dem sozioökonomischen Einbruch zu tun, mit Jobunsicherheiten, den Pessimismus vieler Menschen gegenüber der Zukunft. MigrantInnen wurden auch mit der Verbreitung von Corona selbst in Verbindung gebracht. Was wir jetzt tun müssen, ist, diese Aspekte in starke Integrationsprojekte und Covid – Erholungsprogramme zu übersetzen. 

Caritas Österreich: Was können wir aus der Krise in Bezug auf Migration und Nachhaltige Entwicklung lernen? 

Katy Barwise: Staaten müssen zusammenhalten, um Migration und Mobilität, für Nationen und für Individuen und Gemeinschaften möglich zu machen, in die migriert wird. Der einzige Weg, um geregelte und sichere Migration herzustellen ist durch internationale Kooperation. Es geht darum, bilaterale Vereinbarung sicherzustellen, Arbeitsmigration zu erleichtern, sichere Migrationsporgramme zwischen Staaten zu ermöglichen, Gesundheits-Checks als Teil des Einreiseprozesses zu gewährleisten sowie Gesundheitsversorgung im Land, in das migriert wurde und sozialen Schutz sicherzustellen. Auch so können mögliche zukünftige Pandemien verhindert werden. 

Caritas Österreich: Was bedeutet Zuhause für Sie persönlich?

Katy Barwise: Ich bin in London aufgewachsen. Jedoch lebe ich dort seit 15 Jahren nicht mehr. Ich habe eine sehr starke Verbindung zu London, aber zu Hause ist eher dort, wo ich gerade lebe. Also derzeit in Brüssel. Viele MigrantInnen haben das, dieses innere Konzept, dass Zuhause nicht zwingend an einen Ort gebunden ist. Es ist mehr dort, wo Familie und Freunde sind. 

(Interview geführt im November 2020)