"Wer pflegt uns einmal, wenn wir alt sind. Alle gehen jetzt weg!"

Tobias Nölke ist für die Caritas Österreich in Belgrad, Serbien. Dort koordiniert er das Projekt „YourJob“, das in vier Ländern im westlichen Balkan Jugendliche und junge Erwachsene von 16 bis 30 Jahren bei der Berufsorientierung und bei ihrer Arbeitssuche unterstützt.

Wir sprachen mit Tobias über Hoffnungen und Visionen der Jugendlichen in Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo und Serbien, über den Bevölkerungsschwund am Westbalkan und warum es das Projekt „YourJob“ in der Region braucht.

Caritas Österreich: Weit mehr als ein Drittel aller Jugendlichen im Westbalkan haben keine Arbeit. Etwa 27 Prozent aller Jugendlichen sind weder in Ausbildung noch in Arbeit. Was macht das mit den jungen Menschen?

Nölke: Grundsätzlich ist zu beobachten, dass ein sehr großer Bedarf nach Motivation und Unterstützung besteht. In vielen Ländern des westlichen Balkans werden Jobs über Familienbeziehungen, Bekanntschaften oder Parteizugehörigkeit vergeben. Wenn beispielsweise ein international tätiges Unternehmen in Serbien eine Stelle ausschreibt, dann trauen sich die Jugendliche eine offizielle Bewerbung nicht zu. Wir müssen sie oft überzeugen, dass sie sich bewerben. Die vorherrschende Meinung ist, dass man nur durch Netzwerke an einen Job kommt. Daher müssen wir sie motivieren, aufklären und informieren, dass sie wirklich eine Chance haben. Wir unterstützen sie bei Bewerbungen, bei der Erstellung der Bewerbungsunterlagen und bei der Vorbereitung des Vorstellungsgesprächs.

 

Caritas Österreich: Wie stark ist der Wunsch auszuwandern unter jungen Menschen am Westbalkan?

Nölke: Der Wunsch auszuwandern ist sehr stark ausgeprägt, zum Teil auch schon unter den Eltern. Ich treffe auf viele Eltern, die bei der Ausbildung ihrer Kinder genau dieses Ziel haben: Sie bilden ihre Kinder bestmöglich aus, damit sie nach dem Studium oder bereits für das Studium nach Deutschland, Österreich, in die Schweiz und so weitergehen können, um ein besseres Leben im Ausland führen zu können. Außerdem haben viele Verwandte, FreundInnen oder KollegInnen in Österreich, Deutschland oder anderen EU Ländern. Es gibt ein Sprichwort im westlichen Balkan, das besagt, dass jeder eine Tante in Wien hat oder, leicht abgewandelt, eine Tante in Deutschland. Dadurch dass viele Verwandtschaftsbeziehungen bestehen, wird die Migration erleichtert. Fragen können beantwortet werden, es besteht die Möglichkeit temporär unterzukommen oder vielleicht einen Job über die bestehenden Kontakte zu bekommen.

 

Caritas Österreich: Warum braucht es das Projekt in der Region?

Nölke: Die beiden größten Herausforderungen in der Region sind zum einen eine unglaublich hohe Abwanderung unter jungen Menschen. Viele suchen ihre Zukunft nicht mehr im eigenen Land, sondern gehen direkt ins Ausland. Sie sagen, dass sie hier keine Zukunft haben und keinen Job finden, von dem sie leben und ihre Familie ernähren können. Die jungen Menschen, die bleiben, sind im Vergleich zur Gesamtbevölkerung doppelt so häufig arbeitslos. Die große Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen und diese hohe Abwanderung sind die beiden großen Herausforderungen. Daher braucht es unser und vergleichbare Projekte, um vor Ort, dezentral und lokal anzusetzen, um gemeinsam mit jungen Menschen, staatlichen Akteuren, Unternehmen und der Zivilgesellschaft nach Möglichkeiten zu suchen, damit sie sich hier vor Ort eine Zukunft aufbauen können und einen Job bekommen, von dem sie leben können.

 

Caritas Österreich: Die Lebensrealität im Westbalkan, die du geschildert hast, klingt nicht einfach. Was gibt den Menschen Hoffnung vor Ort?

Nölke: Die Familie spielt eine sehr starke Rolle. Viele wollen deswegen nicht weg, weil sie gute Familienbeziehungen und Freundschaften haben. Die Familien halten viel mehr zusammen. Es gibt aber auch immer wieder so etwas wie Leuchttürme [die den Menschen Hoffnung geben]. In Belgrad gibt es beispielsweise eine relativ große Start-up Szene, also viele junge Unternehmen im IT Bereich. Es entstehen Arbeitsplätze, wodurch junge ausgebildete Menschen eine Perspektive haben, um ihr Leben hier aufzubauen. In Albanien entwickelt sich aktuell Agro-Tourismus, wenn auch in einem kleineren Rahmen. Es gibt mehrere agro-touristische Unternehmen und gute Restaurants, die lokale Produkte anbieten und vermarkten. Gerade im Bereich Gastronomie und Hotellerie entstehen Möglichkeiten für junge Menschen in Albanien, um Fuß zu fassen. Die EU-Beitrittsverhandlungen von Serbien werden sich mit großer Wahrscheinlichkeit positiv auf die Wirtschaft auswirken, da sich neue Betriebe ansiedeln und Arbeitsplätze schaffen werden. Vor dem Hintergrund der sehr niedrigen Löhne in Serbien, kann sich dies allerdings auch negativ auswirken. Denn für die gleiche Arbeit in westlichen EU Ländern kann ein Vielfaches verdient werden.

 

Caritas Österreich: In Österreich wird aktuell der drohende Pflegenotstand diskutiert. Schon jetzt wäre die Betreuung und Pflege der älteren Menschen nicht ohne osteuropäische Betreuerinnen, allerdings größtenteils aus Rumänien und der Slowakei, denkbar. Ganz allgemein lautet der Befund, dass die Bevölkerung in Osteuropa (mit Ausnahmen) aufgrund von Migration schrumpft, weil die Nachfrage nach Arbeitskräften in Westeuropa groß ist. Wie ist das am Westbalkan?

Nölke: Medizinisches Personal, vom Arzt, der Ärztin bis zur Krankenschwester und dem Krankenpfleger, wandert besonders stark ab, um in Krankenhäusern oder im Rahmen der häuslichen Pflege einen Job in Deutschland, Österreich oder anderen westeuropäischen Ländern zu finden. Die Jobs sind 5,6,7-fach besser bezahlt und bieten ganz andere Möglichkeiten. Zuletzt hat mir die Leiterin eines Altenheimes der Caritas in Banja Luka in Bosnien-Herzegowina erzählt, dass sie bei Neueinstellungen nur Personal ab 40 Jahren einstellt. Jüngere Pflegekräfte würden nur kurz bleiben und eher Möglichkeiten im Ausland wahrnehmen. Sie habe massive Probleme Fachkräfte zu finden und ihr Personal zu halten, obwohl die Gehälter und Arbeitsbedingungen für lokale Konditionen gut und fair sind. Andere Anbieter in dem Ort greifen daher beispielsweise auf ungelerntes Personal zurück und bilden dieses dann in Schnellkursen aus. Die Kollegin fragte auch: „Wer pflegt uns einmal, wenn wir alt sind. Alle gehen jetzt weg!“ Ich kenne viele Beispiele aus dem Freundes- und Bekanntenkreis von Leuten, die gegangen sind, die gehen, die am Sprung sind und jeder hat Geschichten von Freunden, Nachbarn oder Arbeitskollegen, die schon gegangen sind oder gerade das Land verlassen.

 

Caritas Österreich: Am Beispiel der 24-Stunden-Betreuung sieht man das gesellschaftliche Dilemma. Denn die Betreuerinnen sind oft selbst Mütter oder pflegende Angehörige. Auch am Westbalkan gehört temporäre oder saisonale Migration zur Realität. Wie kann das funktionieren?

Nölke: Die aktuelle Migration ist anders als in den 1970ern zu Zeiten der "Gastarbeiter"-Abkommen. Damals ist primär der Familienvater ins Ausland gegangen und die Familie ist in der Regel vor Ort geblieben oder viel später erst nachgeholt worden. Aktuell gehen ganze Familien. Ich kenne auch sehr viele Beispiele persönlich. In Bosnien-Herzegowina, aber auch in Serbien verkaufen Familien sogar ihr Haus und gehen dann nach Westeuropa, weil sie dort eine bessere Zukunft für ihre Kinder und sich selbst sehen und auch für den Partner oder die Partnerin die Möglichkeit besteht, einen Job zu bekommen.

 

Caritas Österreich: Welchen Beitrag kann die jeweilige Diaspora in der Region für eine gesellschaftliche Entwicklung leisten? Bzw. welchen leistet sie bereits?

Nölke: Ich denke, dass Menschen, die eine Zeit lang oder dauerhaft beispielsweise in Österreich leben, viel Normatives weitergeben, also wie funktionieren demokratische Prozesse, wie funktioniert eine korruptionsfreie Verwaltung, wie komme ich auch ohne Beziehungen zu einer Arbeit. Diese Normen und Werte werden über Verwandtschaftsbesuche in der Heimat, Telefonate und regelmäßigen Austausch weitergegeben. Dass damit Dinge in Frage gestellt und nicht mehr als gegeben hingenommen werden, ist sehr wichtig. Die Diaspora, vielleicht auch gemeinsam mit RückkehrerInnen sind wichtig als Ideengeber, aber auch als Investor. Beispielsweise in Albanien und im Kosovo, wo viele Menschen in Italien oder in der Schweiz in der Gastronomie gearbeitet haben, zurückgegangen sind und dort gute und sehr schöne Restaurants oder Hotels aufgemacht haben und so zum Wirtschaftswachstum beitragen.

 

Caritas Österreich: Die Balkankriege in den 1990ern haben sehr viele Menschen gezwungen ihre Heimat zu verlassen. Viele sind nach Österreich geflüchtet und viele sind in Österreich geblieben. Wie präsent sind die Kriege im Bewusstsein der Menschen? Wie werden Flucht und Asyl in der Öffentlichkeit besprochen?

Nölke: Die Kriege sind noch immer sehr präsent, weil es noch keine ausreichende Aufarbeitung gab und auch weil es bis heute Familienschicksale gibt, die noch nicht geklärt wurden. Gerade im Kosovo gibt es Familien, die nicht wissen, wo ihre Angehörigen verblieben sind, was mit ihnen passiert ist. Die Wunden sind noch da. Viele wurden im Zuge des Krieges innerhalb der Region vertrieben und konnten nicht an ihren Heimatort zurückkehren. Besonders in Bosnien-Herzegowina wurde das Land aufgrund des Friedensabkommens von Dayton als Provisorium zusammengehalten. Dieses Provisorium bestärkt die Menschen viel eher in ihrem Gruppendenken und -handeln als das Gesamte zu sehen. Daher sind die Kriege in Bosnien-Herzegowina, aber auch in Serbien und im Kosovo, aufgrund des Kosovokrieges, der erst 1999, also vor 20 Jahren zu Ende war, noch sehr präsent. Diese Kriege haben sehr tiefe Wunden bei den Menschen hinterlassen. Als die Flüchtlinge im Jahr 2015 über den westlichen Balkan, von Griechenland über Nordmazedonien, Serbien und Bosnien-Herzegowina flüchteten, gab es eine sehr große Solidarität in Serbien, aber genauso in Bosnien-Herzegowina. Viele Leute haben sich dabei selbst erkannt. Viele sagten: „Vor 20 Jahren ist es uns genauso ergangen. Wir waren auch Flüchtlinge, wir hatten auch nichts.“ Viele Leute sind in die Parks gegangen, wo Flüchtlinge geschlafen haben und haben mit Lebensmitteln, Wasser, Spielsachen für die Kinder und so weiter ausgeholfen. Das war in Serbien so, das war in Bosnien-Herzegowina so, egal ob die Leute serbisch-orthodox, muslimisch, katholisch, das war ganz unerheblich. Es gab eine sehr große Solidarität und Betroffenheit.

 

Caritas Österreich: Du hast in deiner Arbeit sehr viel mit jungen Menschen zu tun und hast schon geschildert, wie schwierig es ist, vor Ort Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Trotzdem möchte ich die Frage stellen: Welche Visionen haben diese jungen Menschen für ihre Zukunft?

Nölke: Zum einen hören wir ganz häufig, "Danke, dass ihr uns zuhört, weil uns fragt sonst niemand, welche Pläne haben wir für die Zukunft. Wir reden zum Teil nicht einmal mit unseren Eltern über Möglichkeiten und Perspektiven, die bestehen.“ Sie sind dankbar, dass wir ihnen Anregungen geben und Möglichkeiten aufzeigen. Es gibt viele, die an Selbstständigkeit interessiert sind. Da unterstützt unser Projekt gemeinsam mit der Yunus Social Business Stiftung mit Kleinkrediten und einem sehr engen Begleitprozess. Viele sind an den neuen Bereichen, wie IT oder Webdesign, interessiert oder an klassischen Jobs im Dienstleistungsbereich, in der Hotellerie und Gastronomie, oder im Bereich KFZ-Mechatronik, Pediküre, Maniküre, Kosmetik. Es gibt auch Jugendlichen mit ausgefalleneren Berufswünschen wie Schweißer, Metallarbeiter, Öffentlichkeitsarbeit.