Die Tagesration Hoffnung für Flüchtlinge im Südsudan

09.08.17

Im Flüchtlingslager „Mahad“ im Südsudan zeigt sich das wahre Gesicht des Bürgerkriegs: Geflüchtete Familien mit Kleinkindern könnten hier ohne externe Hilfe nicht überleben. Wir verteilen dringend benötigte Nahrungsmittel.

Auslandshelferin Elisabeth Hartl und Bischofsvikar Hermann Glettler von der steirischen Caritas haben Ende Mai Caritas-Hilfsprojekte im Südsudan besucht. In diesem Blogbeitrag schildern sie ihre Eindrücke. Dieser Beitrag ist Teil des Blogs "Hautnah am Hunger".

 

Es ist drückend heiß an diesem Nachmittag in Juba, am Himmel ziehen Gewitterwolken auf. Ein vollbepackter LKW wird langsam sichtbar am Horizont, und mit ihm das Logo der südsudanesischen Vinzenzgemeinschaft, der Projektpartnerin der steirischen Caritas. Bis oben hin bepackt mit Maismehl, Bohnen, Reis und Öl, erreicht der Laster das Flüchtlingslager „Mahad“, wo auch heute wieder eine lange Menschenschlange geduldig wartet. „Damit kann ich meine Familie wieder zwei Monate ernähren“, erzählt Agnes, die sich auch heute wieder um Grundnahrungsmittel anstellt. Agnes ist eine von knapp 8000 Flüchtlingen, die in diesem Lager Zuflucht gefunden haben.

Kopfhörer Icon
Bericht aus dem Südsudan

Bischofsvikar Hermann Glettler erzählt von seiner Reise in den Südsudan

Anna Steiner von der Caritas Steiermark hat diesen Beitrag über die Hilfsprojekte der Caritas im Südsudan gestaltet.

Zuflucht vor dem Bürgerkrieg

Der Bürgerkrieg im Südsudan tobt seit Dezember 2013. Seither kommt es in unterschiedlichen Regionen immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Regierungstruppen und Oppositions- bzw. Rebellengruppen. Insgesamt 4 Millionen Menschen sind im12-Millionen-Einwohner-Land im Herzen Afrikas seither von Zuhause geflüchtet –  knapp die Hälfte von ihnen in Nachbarländer, allen voran nach Uganda. 2 Millionen Südsudanesinnen und Südsudanesen sind im eigenen Land auf der Flucht. Diese Ausnahmesituation herrscht nicht erst seit Kurzem, denn die ersten Flüchtlinge kamen bereits Ende 2013 bzw. Anfang 2014 nach Mahad. Weitere Menschen sind vor späteren Kampfhandlungen geflohen und haben sich hier kurz-, mittel- oder langfristig – das weiß niemand so genau – niedergelassen. Derzeit sind es 7752 Binnenvertriebene im Flüchtlingslager „Mahad“, eng zusammengepfercht auf dem Gelände einer Islamischen Privatschule in der Hauptstadt Juba. 

  • LKWs der südsudanesischen Vinzenzgemeinschaft, Projektpartnerin der steirischen Caritas, bringen regelmäßig Lebensmittel ins Flüchtlingslager Mahad.

    LKWs der südsudanesischen Vinzenzgemeinschaft, Projektpartnerin der steirischen Caritas, bringen regelmäßig Lebensmittel ins Flüchtlingslager Mahad.

  • Ein Blick über ein paar der Hütten der knapp 8000 BewohnerInnen des Flüchtlingslagers

    Ein Blick über ein paar der Hütten der knapp 8000 BewohnerInnen des Flüchtlingslagers

  • Die Rationen werden so gerecht wie möglich im Flüchtlingscamp verteilt.

    Die Rationen werden so gerecht wie möglich im Flüchtlingscamp verteilt.

  • Die Menschen erwarten die Lieferungen immer lange im Voraus.

    Die Menschen erwarten die Lieferungen immer lange im Voraus.

Friedliches Zusammenleben

Hauptsächlich Kinder und Frauen, unter ihnen viele Witwen, haben in Mahad ein einfaches Dach über dem Kopf gefunden. Sie alle stammen aus unterschiedlichen Volksgruppen und leben weitgehend friedlich im Lager zusammen. Drohen Konflikte, vermitteln die von Volksgruppenangehörigen gewählten Vertreterinnen und Vertreter. Zugleich sind sie es auch, die über die von der steirischen Caritas unterstützte Lebensmittelverteilung wachen. An drei improvisierten Ausgabestellen findet die dringend erforderliche Verteilung der Nahrungsmittel statt, finanziert durch Spenden aus Österreich.

Im Flüchtlingslager Mahad leben zu großen Teilen Frauen und Kinder. Sie sind von verschiedenen Volksgruppen. Vertreter der Volksgruppen vermitteln gemeinsam und treffen Entscheidungen.

Harte Lebensbedingungen im Flüchtlingslager

Die Hütten im IDP-Camp Mahad (Lager für intern vertriebene Personen, „Internally Displaced Persons“) sind aus verschiedensten Abfallmaterialien zusammengebaut und mit UN-Planen abgedeckt. Es gibt einen zentralen Versammlungsplatz und einige Gassen, die durch die Baracken führen. Wer in Mahad lebt, dem fehlt es beinahe an allem: an Grundnahrungsmitteln, an sauberem Trinkwasser, an Seifen oder an Kochgeschirr. Lebensmittel erhalten die Menschen in Mahad zwar von Zeit zu Zeit über das World Food Programme (WFP) der Vereinten Nationen, doch die Rationen reichen immer nur für kurze Zeit. Denn aufgrund der kontinuierlichen Menge an Menschen, die in den letzten Jahren im Camp Zuflucht gesucht haben, konnten nicht alle Flüchtenden registriert werden. Von den knapp 8000 Menschen im Camp haben derzeit nur 4322 Flüchtlinge eine offizielle Registrierungskarte und somit Anspruch auf eine relativ regelmäßig Nahrungsmittelhilfe vom World Food Programm, während 3430 Binnenvertriebe keine Karte und somit auch keine Unterstützung haben. 

Den Menschen in Mahad fehlt es nicht nur an Essen, sondern auch an sauberem Trinkwasser. Deshalb versorgen wir sie auch regelmäßig mit diesem Wassertank-LKW.

Mangelernährung – die stille Bedrohung

Wer permanent Hunger hat, wird öfter krank, kann sich in der Schule nur schwer konzentrieren und hat keine Kraft. Um diesen Teufelskreis wissen vor allem die Kinder im jüngsten Staat Afrikas. 4,3 Millionen von ihnen sind ohne sauberes Trinkwasser oder ausreichend Ernährung, die nötig ist, um zu wachsen und sich gut entwickeln zu können. Wie gefährlich Unterernährung ist, zeigt sich an vermeintlich harmlosen Durchfallerkrankungen, die für geschwächte Kinder oft zur lebensbedrohlichen Gefahr werden. Um dem vorzubeugen, erhalten in drei Ernährungszentren in Juba und Umgebung etwa 900 Babys und Kleinkinder bis zum fünften Lebensjahr nahrhafte Mahlzeiten aus Linsen, Reis, Bohnen und Gemüse. Um Mangelernährung entgegenzuwirken und die bleibende körperliche und seelische Schäden abzuwehren.

  • In Ernährungszentren in und rund um Juba bekommen 900 Kinder dreimal wöchentlich eine gesunde Mahlzeit.

    In Ernährungszentren in und rund um Juba bekommen 900 Kinder dreimal wöchentlich eine gesunde Mahlzeit.

  • Schwer unterernährte Babys und Kleinkinder werden in den Ernährungszentren wieder aufgepäppelt.

    Schwer unterernährte Babys und Kleinkinder werden in den Ernährungszentren wieder aufgepäppelt.

  • Reis, Linsen, Bohnen und Gemüse ermöglichen Babys und Kleinkindern eine gesunde Entwicklung.

    Reis, Linsen, Bohnen und Gemüse ermöglichen Babys und Kleinkindern eine gesunde Entwicklung.

  • Ernährungszentrum in Juba.

    Ernährungszentrum in Juba.

Durchfallerkrankungen und Malaria als Gefahr

An der Ausgabestelle ist mittlerweile alles verteilt. Auch Agnes, der die Erleichterung anzusehen ist, hat eines der dringend benötigten Pakete bekommen. Die nächsten Mahlzeiten für sie und ihre Kinder sind gesichert. Was die Mutter jetzt noch hofft, ist, dass die behelfsmäßige Behausung der nahenden Regenzeit standhält. „Bei starkem Regen wird der Boden schlammig, und wer darauf schlafen muss, wird krank“, weiß Agnes und erzählt von unhaltbaren hygienischen Zuständen und sich mehrenden Durchfallerkrankungen in der Regenzeit. Auch Malaria sei eine ständige Gefahr im Flüchtlingslager Mahad, das durch die nahe Lage zum Fluss Nil immer wieder Mücken anzieht. 

Doch daran denkt Agnes heute weiter nicht. Mit einem kleinen Säckchen Reis und etwas Öl in einer Plastikflasche geht sie Richtung Zelt und kann ein bisschen aufatmen, sogar hier im Flüchtlingslager Mahad.

Über die Autoren – Elisabeth Hartl und Hermann Glettler

Elisabeth Hartl arbeitet seit fast zehn Jahren in der Caritas Auslandshilfe. Sie ist Referentin der Caritas Steiermark für den Südsudan und für Internationale Freiwilligeneinsätze.

Hermann Glettler war langjähriger Pfarrer in Graz-St.Andrä und Karlau, wo er auch Gottesdienste für die afrikanische Gemeinschaft organisierte. 2016 wurde er von Bischof Wilhelm Krautwaschl zum Bischofsvikar für die Caritas bestellt. Im Rahmen seiner Tätigkeit als Geistlicher hat Hermann Glettler schon einige Länder in Afrika besucht und sich vor Ort engagiert.