Caritas in der Ukraine: „Dürfen uns nicht an den Krieg gewöhnen.“

Caritas-Delegation rund um Auslandshilfe-Generalsekretär Andreas Knapp vor Ort: „Der nahende Winter und die extrem traumatischen Erlebnisse der Menschen erfordern Ausbau der Hilfe.“

„Wir sehen hier in der Ukraine - in Kiev, in Irpin, in Butscha - die Hilfe kommt an. Wir sehen aber auch: Sie wird weiterhin dringend notwendig sein – gerade im Hinblick auf den nahenden Winter“, sagt Andreas Knapp, Auslandshilfe-Generalsekretär der Caritas Österreich. Seit Montag ist er mit einem Caritas-Team in der Ukraine, um sich ein aktuelles Bild der Lage zu machen und weitere Unterstützungsmöglichkeiten für die Partnerorganisationen vor Ort zu sondieren. Knapp: „Die UN warnt vor dem ‚schlimmsten Winter seit der Unabhängigkeit der Ukraine‘. Millionen von Menschen haben keinen Zugang mehr zu lebenswichtigen Gütern wie Wasser, Strom und Gas sowie Gesundheitseinrichtungen. Es muss rechtzeitig vor dem Winter begonnen werden, gefährdete Bevölkerungsgruppen vor der Kälte zu schützen.“ Hinschauen müsse man auch, wenn es um die Rückkehr geflüchteter Menschen in die Ukraine geht, so Knapp: „Trotz Zuspitzung der Situation und anhaltender Kämpfe ist es Tatsachte, dass Menschen in ihre Heimat zurückkehren. Auch in den nicht unmittelbar umkämpften Gebieten ist das teilweise eine Herausforderung – vor allem für die Unterbringung und die Versorgung mit lebensnotwendigen Gütern. Die Ressourcen sind extrem knapp, die humanitäre Lage vielerorts katastrophal.“

Stress und kriegsbedingte Traumata werden ebenso immer mehr zum Problem. Laut Schätzungen des ukrainischen Gesundheitsministeriums sind 15 Millionen Menschen betroffen. Knapp: „Unsere Kolleg*innen vor Ort berichten uns von extrem traumatischen Erlebnissen. Tausende Menschen mussten ihr Leben lassen. Familie werden auf brutale Art und Weise auseinandergerissen. Dazukommt, dass es hier an Erfahrung mit dem Umgang derartig traumatischer Erlebnisse fehlt. Wissen um Traumabehandlung und Traumapsycholog*innen gibt es kaum.“ Die Angriffe halten an – vor allem in der Ostukraine, aber auch in vielen anderen Regionen passieren täglich Luftangriffe. Die dramatischen Erlebnisse, die damit einhergehen, belasten die Menschen enorm, so Knapp: „Diese Not gilt es – neben der Hilfe mit dringend benötigen Gütern und Notquartieren – nicht zu übersehen.“

Über 3 Millionen Menschen haben bereits Caritas-Hilfe erhalten

Bereits bisher erreichte die Caritas mehr als 3 Millionen Menschen in der Ukraine mit ihrer Hilfe. Knapp: „Wir versorgen Binnenvertriebene mit Lebensmittel und Trinkwasser, Hygieneartikel, psychosozialer Unterstützung, Bargeld sowie einem sicheren Ort zum Schlafen, Essen und Waschen. Frauen und Kinder finden Zuflucht in sogenannten Childfriendly Spaces, wo sie an Sport- und Freizeitaktivitäten teilnehmen können, um mit dem psychischen Stress fertig zu werden. In Städten, die unter Beschuss sind, wurden Notanlaufstellen eingerichtet, wo Medikamente und Essen verteilt wird. Hygieneprodukte und Nahrungsmittel werden in Spitälern zur Verfügung gestellt.“ All das ist auch aufgrund der enormen Solidarität der Österreicher*innen möglich, so Knapp: „Die Bereitschaft zu helfen – hier in Österreich, aber auch in der Ukraine und in den Nachbarländern – war gerade nach Ausbruch des Krieges überwältigend. Als Caritas, aber auch vielfach im Verbund mit anderen Hilfsorganisationen – etwa über Nachbar in Not – können wir so zielgerichtet und wirksam helfen. Und wir sehen hier vor Ort, welchen Unterschied diese Hilfe macht.“

Vorbereitungen auf den Winter laufen

Die Caritas bleibt vor Ort und baut ihre Hilfe weiter aus, so Knapp: „Klar ist, dass mit anhaltenden Angriffen der Bedarf an Hilfe weiter steigt. Wir werden bei der Hilfe einen sehr langen Atem brauchen. Gerade im Hinblick auf den Winter müssen wir uns jetzt vorbereiten. Da geht es einerseits darum, Notunterkünfte winterfit zu machen, Reparaturen bei zerstörten Gebäuden und Infrastruktur wie etwa von Schulen vorzunehmen sowie die Versorgung mit Heizmaterial, Kleidung und Decken sicherzustellen. Auf der anderen Seite geht es aber auch um den Ausbau psychologischer Angebote, Jobberatung und –vermittlung sowie Krisen- und Rechtsberatung vor allem für Binnenvertriebene.“ Wichtig sei aber auch, dass die Arbeit der Caritas in der mobilen Hauskrankenpflege und vor allem auch in den Kindertageszentren weiter aufrechterhalten werden kann.