Fakulteta - ein Stadtteil von Sofia mit geschätzt 45.000 Einwohner*innen, überwiegend aus der Roma-Gemeinschaft – liegt nur etwa 20 Gehminuten vom Büro unserer Partner-Caritas in Sofia entfernt. Und doch trennen sich hier die Welten.
Benannt nach der landwirtschaftlichen Fakultät, die sich im Viertel befindet, wirkt Fakulteta, eine der größten Roma-Siedlungen Europas, wie ein Paralleluniversum zur Hauptstadt. Während das Zentrum Sofias mit imposanter Architektur glänzt, prägen in Fakulteta Müllberge, marode Wasserleitungen, eine kaum funktionierende Müllabfuhr und dicht gedrängte, notdürftig gebaute Häuser das Straßenbild. Hier hat man kaum das Gefühl, sich in einem EU-Mitgliedsstaat zu befinden.
Bildung als Schlüssel zur Zukunft
Besonders betroffen sind die hier lebenden Roma-Kinder. Schätzungen zufolge besuchen in Bulgarien rund 15 % von ihnen keine Schule. Das Caritas-Tageszentrum „Ready for School“, wo vormittags jüngere Kinder ab drei Jahren grundlegende soziale Fähigkeiten und Bulgarischkenntnisse spielerisch erwerben und nachmittags ältere Kinder nach der Schule Lernunterstützung erhalten, ist daher ein essenzieller Bestandteil ihrer Bildungsbiografie.
Das wird auch bei unserem Besuch deutlich: Das Zentrum ist bekannt, der Andrang groß – immer wieder tauchen fremde Kinder auf, und vor dem Zentrum stehen Erwachsene, die daran interessiert sind, ihre Kinder ins Programm aufzunehmen.
Einige der Kinder, die vormittags da sind, sind eigentlich schon schulpflichtig – wie die 12-jährige Julija[1]. „Ich gehe nur montags zur Schule“, erzählt sie. Julija ist nicht für sich selbst da, sondern begleitet ihren jüngeren Bruder. Man merkt schnell, dass Mädchen hier früh Verantwortung übernehmen und oft schon in jungen Jahren elterliche Aufgaben übernehmen – Haushalt, Kinderbetreuung, alles allein.
Für uns ist das schwer vorstellbar. Doch Eva, eine der Pädagoginnen vor Ort, sagt: „Ich bin froh, wenn die Kinder und Jugendlichen ihre Vormittage hier verbringen – statt auf der Straße oder allein zu Hause.“
Mehr als Lernen: Perspektiven für Mädchen und junge Frauen
Ein besonderer Fokus des Zentrums liegt auch darauf, jungen Frauen Perspektiven zu eröffnen und frühen Verheiratungen entgegenzuwirken. Neben der Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen ist auch die Arbeit mit den Eltern oder Erziehungsberechtigten zentral. Es wird mit ihnen über die Fortschritte und Erfolge der Kinder gesprochen – aber auch viel Überzeugungsarbeit geleistet, damit z. B. junge Mädchen weiterhin zur Schule gehen dürfen.
Das Projekt unterstützt etwa 50 Kinder – nicht nur beim Bulgarischlernen und Mathematik, sondern auch beim Erwerb von Gesundheits- und Hygieneverhalten. Zudem bekommen die Kinder und Jugendlichen entweder ein Frühstück und eine Jause oder ein warmes Mittagessen – denn nur mit einem vollen Magen lernt es sich gut.
Das Zentrum gehört inzwischen einfach dazu in Fakulteta – und die ersten Erfolge sind deutlich spürbar. Ein besonders schönes Beispiel ist Inna: Sie stammt selbst aus dem Viertel, war früher als Kind im Zentrum und hat inzwischen ein Studium abgeschlossen. Heute arbeitet sie als Pädagogin genau dort, wo sie selbst gefördert wurde. Für die Kinder – besonders für die Mädchen und jungen Frauen – ist sie ein großes Vorbild. Genau solche Geschichten zeigen, wie wichtig es ist, dieses Zentrum auch weiterhin zu unterstützen. Damit noch mehr Kinder einen Schulabschluss schaffen und selbst entscheiden können, wie sie ihr Leben gestalten möchten.
Ihre Unterstützung wirkt – in allen vier Zentren
Neben dem Tageszentren in Fakulteta betreibt die Caritas Sofia Einrichtungen in Kuklen, Malko Tarnovo und Banya. Auch dort erhalten Kinder aus benachteiligten Verhältnissen gezielte Förderung, warme Mahlzeiten und einen sicheren Ort zum Aufwachsen. Mit Ihrer Unterstützung können wir den Kindern in den vier Tagesstätten Halt, Bildung und Hoffnung geben. Jeder Beitrag zählt – für ein Leben mit Perspektive.
[1] Name geändert