“Zu sehen, wie unsere Hilfe wirkt, gibt mir Kraft”

05.07.18

Helene Unterguggenberger bei einem Besuch in einem Flüchtlingslager im Südsudan

Interview. Caritas-Helferin Helene Unterguggenberger über hungernde Kinder, verzweifelte Mütter und warum wir den Hunger endlich besiegen können.

Dieses Interview ist Teil des Blogs "Für eine Zukunft ohne Hunger".

 

Heute leiden noch immer mehr als 800 Millionen Menschen an Hunger. Ist der Kampf gegen den Hunger aussichtslos?

Keinesfalls, denn es gibt deutliche Verbesserungen. Das sehen wir auch in unseren Hilfsprojekten. Als ich vor 22 Jahren in der Auslandshilfe begonnen habe, haben wir noch in Ländern gearbeitet, in denen wir jetzt nicht mehr helfen müssen. In Südafrika oder in vielen Ländern Lateinamerikas hat sich die Situation enorm verbessert. Heute können wir unsere Hilfe auf weniger Länder konzentrieren. Dort sind die Menschen aber leider nach wie vor auf Hilfe angewiesen. Die Arbeit der Hilfsorganisationen bewahrt viele Kinder, Frauen und Männer vor dem Hunger.

 

Was motiviert dich, weiterhin für eine Welt ohne Hunger zu arbeiten?

Ich bin in meinem Job sehr oft mit extremer Not konfrontiert. Trotzdem mache ich diese Arbeit auch nach mehr als zwei Jahrzehnten noch sehr gerne. Was mich antreibt ist, zu sehen, dass wir etwas gegen diese Not tun können, dass unsere Hilfe wirkt. Gemeinsam mit den Menschen vor Ort an Lösungen im Kampf gegen den Hunger zu arbeiten und so den ärmsten Familien wirksam helfen zu können, das treibt mich an.

Der Hunger konnte prozentuell weltweit halbiert werden, von fast 20 Prozent zu Beginn der Millenniumsdeklaration 1990 auf zehn Prozent heute. Und daher kann die Hilfe jetzt viel stärker auf jene Länder konzentriert werden, wo Hunger nach wie vor akut ist. Und das betrifft vor allem die Länder Afrikas südlich der Sahara, wie hier in einem Flüchtlingslager im Südsudan.

Du sprichst oft mit Menschen in Hungerregionen. Welche Begegnungen haben dich besonders beeindruckt?

Es sind die Begegnungen mit den betroffenen Menschen und den Helferinnen und Helfern, die mich immer wieder tief beeindrucken. Wenn KollegInnen z.B. in Burkina Faso stundenlang zu fuß oder mit dem Fahrrad durch Hitze der Savanne unterwegs sind, um KleinbäuerInnen zu erklären, wie sie in der Dürre ihre Ernteerträge verbessern können. Dieser unermüdliche Einsatz ist bemerkenswert. Im Vorjahr habe ich ein Flüchtlingslager im Südsudan besucht, indem mehr als 1000 Familien Zuflucht gefunden hatten. Überall Kinder mit rot verfärbten Haaren und Wasserbäuchen. Ich erinnere mich an eine junge Frau mit einem ebenfalls stark unterernährten Kind im Arm, die nicht mehr weiter wusste. Als Mutter hat mir dieser Anblick das Herz gebrochen. Aber wenige Monate später, bei meinem nächsten Besuch, hatte sich die Situation für die Familien deutlich gebessert. Die Kinder bekommen jetzt jeden Tag einen nahrhaften Brei aus Mais und Soja. Immer wenn ich sehe, wie unsere Hilfe wirkt, gibt mir das Kraft.

Ob als Mütter, Bäuerinnen, Geschäftsfrauen oder Lehrerinnen, Frauen leisten einen entscheidenden Beitrag zur Lösung des Problem Hungers.

Apropos Mütter, welche Rolle spielen Frauen im Kampf gegen den Hunger?

In Entwicklungsländern sind Frauen hauptverantwortlich für die Versorgung der Familie. Frauen versorgen die Kinder, pflegen die Alten, holen Wasser und arbeiten auf dem Feld. Deswegen sind es die Frauen, die im Kampf gegen den Hunger die entscheidenden Akteure sind. Deshalb arbeiten wir auch in den meisten unserer 50 Projekte zur Ernährungssicherung besonders mit Frauen zusammen. Wir unterstützen Frauengruppen, landwirtschaftliche Kooperativen und Sparvereine. Zudem bieten wir Alphabetisierungskurse. Wir wissen, wenn wir Frauen ausbilden und unterstützen, kommt das direkt der gesamten Familie zugute.

 

Wo sind Caritas Helferinnen und Helfer aktuell im Einsatz?

Helferinnen und Helfer der Caritas sind dort tätig, wo die Menschen am stärksten von Hunger betroffen sind. In Ostafrika sind das die Länder Südsudan, Uganda und Kenia, im Westsahel helfen wir im Senegal, in Mali und Burkina Faso. Dazu kommen die DR Kongo und Äthiopien. In diesen Ländern sind oft mehr als die Hälfte der Menschen - vor allem Kinder - unterernährt. Wir leisten sowohl kurzfristige, als auch langfristige Hilfe - neben Afrika auch in Asien, in Nepal, Bangladesch, Pakistan und Indien.

 

Was kann jede/r Einzelne von uns tun, um den weltweiten Hunger zu beenden?

Jede und jeder Einzelne kann zum Beispiel durch ein bewussteres Leben einen Beitrag leisten. Der Klimawandel, unter dem Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in Entwicklungsländern besonders leiden, wird hauptsächlich von den reichen Ländern verursacht. Alles hängt zusammen, unsere Entscheidungen welche Verkehrsmittel wir nutzen oder welche Produkte wir kaufen, haben Auswirkungen auf andere. Wir können alle mithelfen, den weltweiten Hunger bis 2030 zu beenden. Wenn es darum geht, den Klimawandel zu stoppen, Handelsbeziehungen fair zu gestalten oder Entwicklungshilfe auszuweiten, ist jedes Land in die Pflicht zu nehmen. Eine Welt ohne Hunger darf keine Vision bleiben, dafür werde ich mich weiterhin einsetzen.

 

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Über Helene Unterguggenberger

Seit 22 Jahren für die Auslandshilfe der Caritas tätig mit zahlreichen Vor-Ort-Einsätzen. Zuständig für die von der Caritas finanzierten Programme im Südsudan. Koordiniert zudem den Caritas-Schwerpunktbereich „Zukunft ohne Hunger“. Seit 2016 Vorstandsvorsitzende der AG Globale Verantwortung, Dachverband für Entwicklungszusammenarbeit und Humanitäre Hilfe der österreichischen Hilfsorganisationen.