Mehrere Kinder sitzen mit einer Betreuerin an einem Tisch und malen; im Hintergrund ein Plakat zum EU-Projekt „Protection“ in der Ost-Ukraine.

Ukraine: Schutz und Unterstützung für besonders gefährdete Menschen in Frontregionen

zuletzt aktualisiert: 07.07.2026

Das von der Euroäischen Union geförderte Projekt “Protection” bietet Kindern und Erwachsenen in besonders vom Krieg betroffenen Gebieten in der Ost-Ukraine gezielte Schutzmaßnahmen und psychosoziale Unterstützung. Das Projekt wird von der Caritas Österreich gemeinsam mit Caritas Ukraine umgesetzt und von „Humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz der Europäischen Kommission“ finanziert.

Der Krieg in der Ukraine führt nach wie vor zu massiver Vertreibung, großem Leid und enormen wirtschaftlichen Schäden im Land. 10,8 Millionen Menschen – rund jede*r dritte Ukrainer*in – sind laut Humanitarian Response Plan von UN-OCHA Anfang 2026 auf humanitäre Hilfe angewiesen. 3,7 Millionen Menschen wurden durch den Krieg aus den eigenen vier Wänden gezwungen und sind innerhalb der Ukraine auf der Flucht. Ukrainische Städte, insbesondere in der Nähe der Frontlinien, sind kontinuierlichen Luftangriffen, Drohnenattacken und Artilleriebeschuss ausgesetzt.

Die Folgen des bereits mehrere Jahre andauernden Krieges sind für die Zivilbevölkerung nach wie vor dramatisch. Besonders in Frontregionen im Norden und der südzentralen Ukraine, leben viele Menschen unter ständigem Beschuss, mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit und ohne Zugang zu wichtigen Schutz- und Unterstützungsangeboten. Das Projekt „Protection“ der Caritas in Sumy, Chernihiv, Kramatorsk und Zaporizhzhia setzt genau hier an.

Zwei Caritas-Mitarbeitende übergeben im EU-Projekt „Protection“ ein Hilfspaket an eine Frau in der Ost-Ukraine.

Schutzangebote für Menschen in Not

Im Zentrum des Projekts stehen sogenannte Krisenzentren (stationär und mobil), die in den Regionen Sumy, Chernihiv, Kramatorsk und Zaporizhzhia besonders gefährdete Menschen – darunter Binnenvertriebene, Menschen mit Behinderungen sowie bedürftige lokale Bevölkerungsgruppen – mit umfassenden Schutzdiensten unterstützen. Diese beinhalten Fallmanagement, rechtliche Beratung, psychosoziale Begleitung und Krisenintervention.

Ein besonderes Augenmerk liegt auf Kindern und Jugendlichen, deren Alltag durch Krieg und Vertreibung stark belastet ist. In kinderfreundlichen Räumen, sogenannten “Child Friendly Spaces”, erhalten sie psychosoziale Unterstützung – inklusive Sprachtherapie – und Zugang zu non-formaler Bildung. Die altersgerechten Angebote für Kinder im Alter von 3 bis 17 Jahren fördern spielerisch die soziale, emotionale und persönliche Entwicklung. Auch Eltern werden in die Aktivitäten eingebunden.

Unterstützung für Menschen mit Behinderung

Menschen mit Behinderungen werden durch mobile Teams mit auf ihre individuellen Bedürfnisse angepassten Hygienepakete versorgt. Zudem erhalten sie und ihre Familien Kriseninterventionen, psychosoziale Unterstützung und werden für weiterführende Unterstützung an Partnerorganisationen verwiesen.

Insgesamt können durch das Projekt rund 27.000 Menschen in der Ukraine, mit unterschiedlichsten Aktivitäten und Hilfsgütern erreicht werden.

Das Projekt „Zugang zu Schutz und Grundbedürfnissen für die vom Konflikt betroffene Bevölkerung in den Frontgebieten im Norden und der Süd- und Zentralukraine“ wird finanziert von Generaldirektion für Humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz der Europäischen Kommission und vor Ort durch Caritas Ukraine in Sumy, Chernihiiv, Kramatorsk und Zaporizhzhia umgesetzt.

Profil eines Mannes, er schaut nachdenklich

„Hauptsache, ich lebe noch“

Die Geschichte von Oleksandr K. aus Stepanivka, dessen Haus schwer beschossen wurde.

Die Nacht des 8. Oktober 2025 wurde für die Bewohner des Dorfes Stepanivka in der Region Sumy zu einer der schrecklichsten seit Beginn des Krieges. Mehr als 20 russische Drohnen griffen die Gemeinde an. Häuser wurden beschädigt, Fenster zersplitterten, Dächer zerstört – und die Menschen blieben in Angst und Schock zurück.
In jener Nacht war der 47-jährige Oleksandr zu Hause. Eine gewaltige Druckwelle erschütterte alles um ihn herum. „Es war dunkel, der Lärm war so laut, dass mir die Ohren klingelten. Ich begriff erst nicht, was passiert war“, erinnert sich Oleksandr. Durch die Wucht der Explosion stürzte ein Kleiderschrank auf ihn. Sein Haus wurde schwer beschädigt: zerbrochene Fenster, Risse in den Wänden und ein zerstörtes Dach. Zunächst erklärte eine Gutachterkommission das Haus für unbewohnbar. Später wurde das Gebäude als sanierungsfähig eingestuft. Oleksandr wohnt derzeit vorübergehend bei seiner Mutter.

„Solange man lebt, kann alles wieder aufgebaut werden“, sagt er. „Hauptsache, es fliegt nie wieder etwas.“ Unmittelbar nach dem Anschlag traf das von der Europäischen Union finanzierte Team des Caritas-Krisenzentrums Sumy in Stepanivka ein. Die Fachkräfte boten Oleksandr psychologische Unterstützung, Rechtsberatung und Informationen zur Beantragung von Entschädigung für sein beschädigtes Haus. Heute kehrt Oleksandr allmählich in seinen Alltag zurück. Er sagt, er sei allen, die nicht gleichgültig geblieben sind und beim Wiederaufbau geholfen haben – nicht nur von Häusern, sondern auch vom Sicherheitsgefühl und der inneren Stärke der Menschen –, zutiefst dankbar. Seine Geschichte zeigt, dass humanitäre Hilfe mehr ist als Nothilfe. Es geht darum, Menschen in den schwierigsten Momenten beizustehen und ihnen Schritt für Schritt zu helfen, wieder auf die Beine zu kommen.

Das Projekt erreicht 27.000 Menschen an vier Standorten (Tschernihiw, Sumy, Saporischschja und Kramatorsk) durch verschiedene Maßnahmen, darunter Schutzdienste, psychologische Unterstützung, materielle Hilfe in Form von Hygienepaketen für Menschen mit Behinderungen sowie Angebote für Kinder in kinderfreundlichen Räumen. Das Projekt wird von der Europäischen Union und Caritas Österreich finanziert.

Mutter mit Kind spricht mit Caritas Mitarbeiter*in

Ein Haus voller Musik

Die Geschichte von Natalias Familie und ihrer Widerstandsfähigkeit

Im Dorf Staryi Bilous in der Region Tschernihiw führte Natalia einst mit ihrer großen Familie ein erfülltes und lebhaftes Leben. Ihr Zuhause war erfüllt vom Lachen der Kinder, den Abläufen des Alltags und dem Klang einer Geige – Musik war für Natalia nicht nur ein Beruf, sondern der Herzschlag der Familie. An einem Frühlingstag – dem 8. März – änderte sich alles für immer. Ein Raketenangriff zerstörte ihr Haus. In einem einzigen Augenblick war der Ort verschwunden, an dem Erinnerungen entstanden waren, an dem sich die Kinder sicher fühlten, an dem die Musik lebte.

Was ihnen das Leben rettete, war Solidarität. Nachbarn in der Nähe hatten einen großen Keller, der schon ab den ersten Tagen der groß angelegten Invasion zum Zufluchtsort wurde – nicht nur für Natalias Familie, sondern für viele Menschen im Dorf. In der Dunkelheit unter der Erde teilten die Menschen Angst, Hoffnung und den Willen zum Überleben. Heute mieten Natalia und ihre Kinder eine kleine Wohnung in der Stadt Tschernihiw. Das Leben ist alles andere als einfach, aber es geht weiter. Natalia arbeitet als Geigenlehrerin an einer Musikhochschule. Auch ihre älteren Söhne studieren dort und setzen ihren musikalischen Weg trotz allem, was sie durchgemacht haben, fort. Die Musik bleibt ihr Anker – eine Erinnerung daran, wer sie sind und was nicht zerstört werden kann. Natalias jüngste Tochter ist erst fünf Jahre alt. In einem Alter, in dem ein Kind unbeschwert und geborgen sein sollte, braucht sie jeden Tag Wärme, Zuwendung und vor allem ein Gefühl der Sicherheit. 

Auf der Suche nach Unterstützung wandte sich die Familie an die Caritas Tschernihiw. Dort erhielten sie lebensnotwendige Hilfe und Kleidung aus der Kleiderkammer; dank der Unterstützung der Europäischen Union bekam die Familie zwei neue Betten. Bis dahin hatte das kleine Mädchen nicht einmal einen eigenen Schlafplatz. Für Natalia bedeutete diese Geste weit mehr als nur Möbel. Es war ein Zeichen dafür, dass ein Zuhause – Schritt für Schritt – auch nach einem verheerenden Verlust wieder aufgebaut werden kann. Dass Würde und Geborgenheit wichtig sind, selbst in den schwersten Zeiten. „Jetzt weiß ich, dass man selbst inmitten der Trümmer Hoffnung aufbauen kann, wenn es Menschen gibt, die bereit sind, einen zu unterstützen.“

Natalia nimmt außerdem an Elternkursen bei der Caritas Tschernihiw teil. Bei diesen Treffen geht es nicht nur um praktische Unterstützung; sie sind ein Ort, an dem man Erfahrungen austauschen, sich verstanden fühlen und erkennen kann, dass man mit seinen Schwierigkeiten nicht allein ist. In einem vom Krieg geprägten Land helfen solche Momente der Verbundenheit dabei, innere Stärke wiederzugewinnen. Natalias Geschichte ist eine Geschichte von Widerstandsfähigkeit und stillem Mut. Sie hat ihr Zuhause verloren, aber das bewahrt, was am wichtigsten ist: ihre Kinder, ihre Musik und ihren Glauben an die Zukunft. Das ist es, was humanitäre Hilfe ermöglicht – nicht nur das Überleben, sondern die Chance, das Leben mit Würde, Fürsorge und Hoffnung wieder aufzubauen.

Das Projekt richtet sich an 27.000 Begünstigte an vier Projektstandorten (Tschernihiw, Sumy, Saporischschja und Kramatorsk) und umfasst eine Reihe von Maßnahmen, darunter Schutzdienste, psychologische Unterstützung, materielle Hilfe in Form von Hygiene-Paketen für Menschen mit Behinderungen sowie Aktivitäten für Kinder in kinderfreundlichen Räumen. Dieses Projekt wird von der Europäischen Union und Caritas Österreich finanziert.

Liudmyla ist dank Caritas wieder mobil

Das Krisenzentrum von Caritas Kramatorsk, das von der Europäischen Union finanziert wird, erreicht weiterhin Menschen in Not. Eine dieser Geschichten ist die von Liudmyla, 66 Jahre alt, aus dem Dorf Dmytrokolyne in der Gemeinde Oleksandriwka. Liudmyla lebt mit schwerwiegenden gesundheitlichen Herausforderungen. Selbst kurze Strecken zurückzulegen, ist ohne Unterstützung schwierig. Für sie bedeutet ein Rollator nicht Komfort – sondern Sicherheit, Unabhängigkeit und die Möglichkeit, den Alltag in Würde zu bewältigen. Doch wie viele ältere Menschen in vom Krieg betroffenen Gemeinden sah sie sich mit einer harten Realität konfrontiert: Ihre Pension deckte kaum die notwendigsten Ausgaben. „Ich muss bei allem sparen, nur um die Betriebskosten bezahlen zu können“, sagte sie leise und hielt ihre Tränen zurück.
 

Der Mangel betraf nicht nur Lebensmittel oder Heizung. Es gab Wochen, in denen das Geld nicht für notwendige Medikamente reichte – und die größte Belastung entstand durch das Fehlen spezieller Hygieneartikel wie urologischer Einlagen und saugfähiger Unterlagen. Diese ständige Unsicherheit führte zu Erschöpfung, Angst und einem zunehmenden Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Als sich Liudmyla an das Krisenzentrum wandte, bestand die erste Reaktion nicht aus einem Paket oder einem Formular – sondern aus menschlicher Unterstützung. Die Caritas-Mitarbeiterin Viktoriia führte eine individuelle Beratung durch und nahm sich Zeit, sowohl die dringenden Sorgen zu verstehen, die Liudmyla äußerte, als auch jene Bedürfnisse, die ihr schwerfielen auszusprechen. Im Rahmen der Unterstützung erhielt Liudmyla:
 

  • Psychosoziale Unterstützung, um emotionale Belastungen zu lindern und das Gefühl zu verringern, mit ihrer Situation allein zu sein.
  • Unmittelbare materielle Hilfe, einschließlich wichtiger Hygieneartikel, die eine akute finanzielle Belastung reduzierte und ein grundlegendes Gefühl von Stabilität wiederherstellte.
  • Vermittlungen an die Sozialkleiderkammer, wodurch sie Zugang zu Kleidungshilfe als Teil einer umfassenderen Unterstützung erhielt.

Am wichtigsten war jedoch, dass ihre Mobilitätsbedürfnisse als Priorität behandelt wurden. Da sichere Fortbewegung für ihr Wohlbefinden entscheidend war, arbeitete das Team des Krisenzentrums eng mit Partnerorganisationen und anderen Wohltätigkeitsstiftungen zusammen. Durch diesen koordinierten Ansatz und entsprechende Vermittlungen erhielt Liudmyla schließlich den Rollator, den sie sich selbst nicht leisten konnte – sowie zusätzliche Hygieneartikel zur Unterstützung ihrer täglichen Pflege. Heute spricht sie mit mehr Zuversicht über die Zukunft. „Das Leben beginnt sich zum Besseren zu verändern“, sagt sie.

 

Der Rollator hat ihr nicht nur ihre Beweglichkeit zurückgegeben, sondern auch ein Gefühl von Kontrolle über ihren Alltag. Und die Unterstützung um sie herum hat etwas ebenso Wichtiges wieder aufgebaut: das Gefühl, dass sie zählt und nicht allein ist.
 

Das Projekt richtet sich an 27.000 Begünstigte an vier Projektstandorten (Tschernihiw, Sumy, Saporischschja und Kramatorsk). Die Maßnahmen umfassen Schutzangebote, psychologische Unterstützung, materielle Hilfe durch Hygienepakete für Menschen mit Behinderungen sowie Aktivitäten für Kinder in Child-Friendly Spaces. Dieses Projekt wird von der Europäischen Union und der Caritas Österreich finanziert.

* Die Vornamen der Personen wurden geändert, um ihre Anonymität zu schützen.

 

 

Logo Funded by European Union Humanitarian Aid